Was ist Gott? unbekannt, dennoch

Voll Eigenschaften ist das Angesicht

Des Himmels von ihm. Die Blitze nämlich

Der Zorn sind eines Gottes. Je mehr ist eins

Unsichtbar, schicket es sich in Fremdes. Aber der Donner

Der Ruhm ist Gottes. Die Liebe zur Unsterblichkeit

Das Eigentum auch, wie das unsere,

Ist eines Gottes.

Martin Walser sagt dazu: „Hölderlin war einerseits offenbar imstande, die Welt zu erleben, zu erfahren, als sei sie noch nicht beschrieben. So unmittelbar im Natürlichen kann der die Physiognomie eines Gottes erfahren.“ (Walser: Lieber schön als wahr, ZEIT 4/2003, 16.1.03)

Eichendorff: Graf Arnold und der Schiffer

(aus dem Spanischen)

Wem begegnet‘ je solch Wunder,

Als Graf Arnold ist geschehn,

Da er am Johannesmorgen

Wollt am Meere jagen gehn?

 

Auf dem Meer ein Schifflein fahren

Sah er, als ob’s landen wollt,

Seiden seine Segel waren

Und das Tauwerk war von Gold.

 

Fing der Schiffer da zu singen,

Wunderbar zu singen an,

Daß die Wogen leiser gingen,

Wind hielt seinen Atem an;

 

Daß die Fische lauschend stiegen

Tief aus ihrem kühlen Haus,

Und die Vögel, die da fliegen,

Auf dem Maste ruhten aus:

 

„Durch die Einsamkeit der Wogen,

Schifflein, lenk dich Gottes Hand

An Gibraltars Felsenbogen,

An dem tück’schen Mohrenstrand.

 

Flandern gürten sand’ge Banken,

Bei Leon da steht ein Riff,

Wo schon viele Schiffe sanken,

Hüt dich Gott, mein schönes Schiff!“

 

„Schiffer!“ rief der Graf am Strande,

„Schiffer, lehre mich dein Lied!“ –

Doch der Schiffer lenkt‘ vom Lande:

„Lehr’s nur den, der mit mir zieht.“

Das Gedicht überraschte mich unter Eichendorffs Gedichten. Unerwartet und doch mit „Schifflein“ und „Einsamkeit“ genügend Eichendorffsch, dass ich nicht zureichend stutzig wurde. „Aus dem Spanischen“ erklärt’s.

LEBEN, LIEBE, TOD

Wenn das Leben ein Dschungel wär,
müsste meiner verschwenderisch grün sein,
voller Orchideen, mit Schmetterlingen,
bunten Kolibris, kreischenden Affen.
Aber ihren Platz hätten auch Panther,
züngelnde Schlangen und Skorpione.

Wenn die Liebe ein Gewässer wär,
wünsch ich mir meines kristallklar und rein,
quellkühl erfrischend, libellenumschwärmt,
tiefgründig, voller wimmelndem Leben,
aber manchmal auch nur träge fließend,
sich letztlich verströmend im großen Meer.

Wenn der Tod eine Mauer wär,
sollte meine nicht bedrohlich schroff sein,
sondern geheimnisvoll, grün überwuchert,
mit angelehnter Tür, wartend auf mich,
denn „wer stirbt, geht nach Hause“, sagt Gandhi,
„welch tröstlicher Gedanke!“ Auch für mich?

(Brigitte Jährling)

Reimlos und klar gegliedert, erschreckend und besänftigend, befremdend und überzeugend.
Will ich ein Skorpion? Die Affen kreischend, die Schlangen ständig züngelnd?
Erlebe ich Wasser als kristallklar und rein, das voll von wimmelndem Leben ist?
„Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser!“
Der Tod eine Mauer mit angelehnter Tür „wartend auf mich“?

Und doch: Leben und Liebe nur still und kristallklar?
Der Tod unerreichbar, nur für die anderen, nie für mich?
Ist er nicht als Geheimnis, als ungelöstes Rätsel, dessen Lösung wir einst erfahren werden, das, was wir brauchen? Nicht ein präzises Datum, mal unendlich weit weg, mal bedrohlich nah. In angsterfüllendem Wechsel, nie als Einladung, aus der Stunde zu schöpfen, was das Leben bereit hält?

Park Monceau

Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen.
Hier bin ich Mensch – und nicht nur Zivilist.
Hier darf ich links gehn. Unter grünen Bäumen
sagt keine Tafel, was verboten ist.

Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen.
Ein Vogel zupft an einem hellen Blatt.
Ein kleiner Junge gräbt sich in der Nasen
und freut sich, wenn er was gefunden hat.

Es prüfen vier Amerikanerinnen,
ob Cook auch recht hat und hier Bäume stehn.
Paris von außen und Paris von innen:
sie sehen nichts und müssen alles sehn.

Die Kinder lärmen auf den bunten Steinen.
Die Sonne scheint und glitzert auf ein Haus.
Ich sitze still und lasse mich bescheinen
und ruh von meinem Vaterlande aus.

Kurt Tucholsky

Tucholsky war 1924 erst kurz in Paris, als er das Gedicht schrieb und unter dem Pseudonym Theobald Tiger veröffentlichte. Frankreich war damals nicht so von Krisen geschüttelt wie Deutschland 1923, als Stresemann und Ebert ihr Meisterstück in Krisenbewältigung leisteten. (Den Test, ob sie Hitlers Machtübernahme hätten verhindern können, hat die Geschichte nicht gemacht.)

Mehr zum Gedicht von Joachim Sartorius und in ZEIT 12/2016 Reisen, S.47 von Iris Radisch

Die Güte Gottes

Wie groß ist des Allmächtgen Güte!
Ist der ein Mensch, den sie nicht rührt;
Der mit verhärtetem Gemüthe
Den Dank erstickt, der ihr gebührt?
Nein, seine Liebe zu ermessen,
Sey ewig meine größte Pflicht.
Der Herr hat mein noch nie vergessen;
Vergiß mein Herz auch seiner nicht.

Wer hat mich wunderbar bereitet?
Der Gott, der meiner nicht bedarf.
Wer hat mit Langmuth mich geleitet?
Er, dessen Rath ich oft verwarf.
Wer stärkt den Frieden im Gewissen?
Wer giebt dem Geiste neue Kraft?
Wer läßt mich so viel Glück genießen?
Ists nicht sein Arm, der alles schafft?

Schau, o mein Geist, in jenes Leben,
Zu welchem du erschaffen bist;
Wo du, mit Herrlichkeit umgeben,
Gott ewig sehn wirst, wie er ist.
Du hast ein Recht zu diesen Freuden;
Durch Gottes Güte sind sie dein.
Sieh, darum mußte Christus leiden,
Damit du könntest selig seyn!

Und diesen Gott sollt ich nicht ehren?
Und seine Güte nicht verstehn?
Er sollte rufen; ich nicht hören?
Den Weg, den er mir zeigt, nicht gehn?
Sein Will ist mir ins Herz geschrieben;
Sein Wort bestärkt ihn ewiglich.
Gott soll ich über alles lieben,
Und meinen Nächsten gleich als mich.

Dieß ist mein Dank, dieß ist sein Wille.
Ich soll vollkommen seyn, wie er.
So lang ich dieß Gebot erfülle,
Stell ich sein Bildniß in mir her.
Lebt seine Lieb in meiner Seele:
So treibt sie mich zu jeder Pflicht.
Und ob ich schon aus Schwachheit fehle,
Herrscht doch in mir die Sünde nicht.

O Gott, laß deine Güt und Liebe
Mir immerdar vor Augen seyn!
Sie stärk in mir die guten Triebe,
Mein ganzes Leben dir zu weihn.
Sie tröste mich zur Zeit der Schmerzen;
Sie leite mich zur Zeit des Glücks;
Und sie besieg in meinem Herzen
Die Furcht des letzten Augenblicks.

Christian Fürchtegott Gellert

Bertolt Brecht
Alles wandelt sich
Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.
Aber was geschehen ist, ist geschehen. Und das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten.

Was geschehen ist, ist geschehen. Das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten, aber
Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.

Ein dialektischer Text, der sich selbst infrage stellt? Dabei steht doch zweimal dasselbe da. Nur steht zwischen den beiden Aussagen, die wiederholt werden, ein aber. Und zwar jeweils vor der Aussage, die in der jeweiligen Strophe das letzte Wort hat.

Zum Vergleich ein Gedicht von

Hermann Hesse

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

„Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…“

und

„Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.“

Zweimal ganz ähnliche Aussagen. Nur wo Hesse ein „vielleicht“ setzt und daraus – – ziemlich fragwürdig – eine Gewissheit ableitet: „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…“ schreibt Brecht zweimal das Gleiche. Nur das Gewicht, das den Aussagen gegeben wird, verändert sich durch die Stellung der Aussagen im Gedicht.

So komme, was da kommen mag!

Solang du lebest, ist es Tag.

Und geht es in die Welt hinaus,

Wo du mir bist, bin ich zu Haus.

Ich seh dein liebes Angesicht,

Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.

1

In der Gruft bei den alten Särgen

Steht nun ein neuer Sarg,

Darin vor meiner Liebe

Sich das süßeste Antlitz barg.

Den schwarzen Deckel der Truhe

Verhängen die Kränze ganz;

Ein Kranz von Myrtenreisern,

Ein weißer Syringenkranz.

Was noch vor wenig Tagen

Im Wald die Sonne beschien,

Das duftet nun hier unten:

Maililien und Buchengrün.

Geschlossen sind die Steine,

Nur oben ein Gitterlein;

Es liegt die geliebte Tote

Verlassen und allein.

Vielleicht im Mondenlichte,

Wenn die Welt zur Ruhe ging,

Summt noch um die weißen Blüten

Ein dunkler Schmetterling.

2

Mitunter weicht von meiner Brust,

Was sie bedrückt seit deinem Sterben;

Es drängt mich, wie in Jugendlust,

Noch einmal um das Glück zu werben.

Doch frag ich dann: Was ist das Glück?

So kann ich keine Antwort geben

Als die, daß du mir kämst zurück,

Um so wie einst mit mir zu leben.

Dann seh ich jenen Morgenschein,

Da wir dich hin zur Gruft getragen;

Und lautlos schlafen die Wünsche ein,

Und nicht mehr will ich das Glück erjagen.

3

Gleich jenem Luftgespenst der Wüste

Gaukelt vor mir

Der Unsterblichkeitsgedanke;

Und in den bleichen Nebel der Ferne

Täuscht er dein Bild.

Markverzehrender Hauch der Sehnsucht,

Betäubende Hoffnung befällt mich;

Aber ich raffe mich auf,

Dir nach, dir nach;

Jeder Tag, jeder Schritt ist zu dir.

Doch, unerbittliches Licht dringt ein;

Und vor mir dehnt es sich,

Öde, voll Entsetzen der Einsamkeit;

Dort in der Ferne ahn ich den Abgrund;

Darin das Nichts. –

Aber weiter und weiter

Schlepp ich mich fort;

Von Tag zu Tag,

Von Mond zu Mond,

Von Jahr zu Jahr;

Bis daß ich endlich,

Erschöpft an Leben und Hoffnung,

Werd hinstürzen am Weg

Und die alte ewige Nacht

Mich begräbt barmherzig,

Samt allen Träumen der Sehnsucht.

4

Weil ich ein Sänger bin, so frag ich nicht,

Warum die Welt so still nun meinem Ohr;

Die eine, die geliebte Stimme fehlt,

Für die nur alles andre war der Chor.

5

Und am Ende der Qual alles Strebens

Ruhig erwart ich, was sie beschert,

Jene dunkelste Stunde des Lebens;

Denn die Vernichtung ist auch was wert.

6

Der Geier Schmerz flog nun davon,

Die Stätte, wo er saß, ist leer;

Nur unten tief in meiner Brust

Regt sich noch etwas, dumpf und schwer.

Das ist die Sehnsucht, die mit Qual

Um deine holde Nähe wirbt,

Doch, eh sie noch das Herz erreicht,

Mutlos die Flügel senkt und stirbt.

Mich interessiert der Zusammenhang mit Goethes „Marienbader Elegie“.

In beiden Fällen ein Selbstzitat als (eine Art) Motto (bei Goethe Tasso„, bei Storm „Trost), in beiden Fällen ein traumatisches Erlebnis, in beiden Fällen durch Kunst gebändigt, doch in unterschiedlicher Weise. 

Goethe:Sie trennen mich – und richten mich zugrunde.“  Bei Storm „Mutlos die Flügel senkt und stirbt.“   stirbt die Sehnsucht, an ihre Stelle tritt das literarische Werk. Das Gedicht selbst ist – anders als das von Goethe – kein Meisterstück, aber die Meisterwerke auf dem Gebiet der Novellen folgten.

Bei „eh sie noch das Herz erreicht, […]  und stirbt.“ klingt bei uns Heutigen leicht Rilkes „und hört im Herzen auf zu sein“ aus dem „Panther“ an.

                              Elegie

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott, zu sagen, was ich leide.

Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen,
Von dieses Tages noch geschlossner Blüte?
Das Paradies, die Hölle steht dir offen;
Wie wankelsinnig regt sichs im Gemüte! –
Kein Zweifel mehr! Sie tritt ans Himmelstor,
Zu ihren Armen hebt sie dich empor.

So warst du denn im Paradies empfangen,
Als wärst du wert des ewig schönen Lebens;
Dir blieb kein Wunsch, kein Hoffen, kein Verlangen,
Hier war das Ziel des innigsten Bestrebens,
Und in dem Anschaun dieses einzig Schönen
Versiegte gleich der Quell sehnsüchtiger Tränen.

Wie regte nicht der Tag die raschen Flügel,
Schien die Minuten vor sich her zu treiben!
Der Abendkuß, ein treu verbindlich Siegel:
So wird es auch der nächsten Sonne bleiben.
Die Stunden glichen sich im sanften Wandern,
Wie Schwestern zwar, doch keine ganz den andern.

Der Kuß, der letzte, grausam süß, zerschneidend
Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen –
Nun eilt, nun stockt der Fuß, die Schwelle meidend,
Als trieb ein Cherub flammend ihn von hinnen;
Das Auge starrt auf düstrem Pfad verdrossen,
Es blickt zurück: die Pforte steht verschlossen.

Und nun verschlossen in sich selbst, als hätte
Dies Herz sich nie geöffnet, selige Stunden
Mit jedem Stern des Himmels um die Wette
An ihrer Seite leuchtend nicht empfunden;
Und Mißmut, Reue, Vorwurf, Sorgenschwere
Belastens nun in schwüler Atmosphäre.

Ist denn die Welt nicht übrig? Felsenwände,
Sind sie nicht mehr gekrönt von heiligen Schatten?
Die Ernte, reift sie nicht? Ein grün Gelände,
Zieht sichs nicht hin am Fluß durch Busch und Matten?
Und wölbt sich nicht das überweltlich Große,
Gestaltenreiche, bald Gestaltenlose?

Wie leicht und zierlich, klar und zart gewoben
Schwebt, seraphgleich, aus ernster Wolken Chor,
Als glich es ihr, am blauen Äther droben
Ein schlank Gebild aus lichtem Dunst empor;
So sahst du sie in frohem Tanze walten,
Die lieblichste der lieblichen Gestalten.

Doch nur Momente darfst dich unterwinden
Ein Luftgebild statt ihrer festzuhalten;
Ins Herz zurück! dort wirst du’s besser finden,
Dort regt sie sich in wechselnden Gestalten:
Zu Vielen bildet Eine sich hinüber,
So tausendfach, und immer, immer lieber.

Wie zum Empfang sie an den Pforten weilte
Und mich von dannauf stufenweis beglückte,
Selbst nach dem letzten Kuß mich noch ereilte,
Den letzesten mir auf die Lippen drückte:
So klar beweglich bleibt das Bild der Lieben
Mit Flammenschrift ins treue Herz geschrieben.

Ins Herz, das fest, wie zinnenhohe Mauer,
Sich ihr bewahrt und sie in sich bewahret,
Für sie sich freut an seiner eignen Dauer,
Nur weiß von sich, wenn sie sich offenbaret,
Sich freier fühlt in so geliebten Schranken
Und nur noch schlägt, für alles ihr zu danken.

War Fähigkeit zu lieben, war Bedürfen
Von Gegenliebe weggelöscht, verschwunden,
Ist Hoffnungslust zu freudigen Entwürfen,
Entschlüssen, rascher Tat sogleich gefunden!
Wenn Liebe je den Liebenden begeistet,
Ward es an mir aufs lieblichste geleistet;

Und zwar durch sie! – Wie lag ein dumpfes Bangen
Auf Geist und Körper, unwillkommner Schwere,
Von Schauerbildern rings der Blick umfangen
Im wüsten Raum beklommner Herzensleere;
Nun dämmert Hoffnung von bekannter Schwelle:
Sie selbst erscheint in milder Sonnenhelle.

Dem Frieden Gottes, welcher euch hienieden
Mehr als Vernunft beseliget – wir lesens –
Vergleich ich wohl der Liebe heitern Frieden
In Gegenwart des allgeliebten Wesens;
Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören
Den tiefsten Sinn: den Sinn, ihr zu gehören.

In unsers Busen Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißens: fromm sein! – Solcher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

Vor ihrem Blick wie vor der Sonne Walten,
Vor ihrem Atem wie vor Frühlingslüften,
Zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten,
Der Selbstsinn tief in winterlichen Grüften;
Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert,
Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.

Es ist, als wenn sie sagte: Stund um Stunde
Wird uns das Leben freundlich dargeboten
Das Gestrige ließ uns geringe Kunde,
Das Morgende – zu wissen ist verboten!
Und wenn ich je mich vor dem Abend scheute,
Die Sonne sank und sah noch, was mich freute.

Drum tu wie ich und schaue, froh verständig
Dem Augenblick ins Auge! Kein Verschieben!
Begegn ihm schnell, wohlwollend wie lebendig,
Im Handeln sei’s, zur Freude, sei’s dem Lieben!
Nur wo du bist, sei alles immer kindlich,
So bist du alles, bist unüberwindlich.«

Du hast gut reden, dacht ich: zum Geleite
Gab dir ein Gott die Gunst des Augenblickes,
Und jeder fühlt an deiner holden Seite
Sich Augenblicks den Günstling des Geschickes;
Mich schreckt der Wink, von dir mich zu entfernen –
Was hilft es mir, so hohe Weisheit lernen!

Nun bin ich fern! Der jetzigen Minute,
Was ziemt denn der? Ich wüßt es nicht zu sagen.
Sie bietet mir zum Schönen manches Gute;
Das lastet nur, ich muß mich ihm entschlagen
Mich treibt umher ein unbezwinglich Sehnen,
Da bleibt kein Rat als grenzenlose Tränen.

So quellt denn fort und fließet unaufhaltsam –
Doch nie geläng’s, die innre Glut zu dämpfen!
Schon rasts und reißt in meiner Brust gewaltsam –
Wo Tod und Leben grausend sich bekämpfen.
Wohl Kräuter gäbs, des Körpers Qual zu stillen;
Allein dem Geist fehlts am Entschluß und Willen,

Fehlts am Begriff: wie sollt er sie vermissen?
Er wiederholt ihr Bild zu tausend Malen.
Das zaudert bald, bald wird es weggerissen,
Undeutlich jetzt und jetzt im reinsten Strahlen.
Wie könnte dies geringstem Troste frommen,
Die Ebb und Flut, das Gehen wie das Kommen? *

Verlaßt mich hier, getreue Weggenossen,
Laßt mich allein am Fels, in Moor und Moos!
Nur immer zu! euch ist die Welt erschlossen,
Die Erde weit, der Himmel rein und groß;
Betrachtet, forscht, die Einzelheiten sammelt,
Naturgeheimnis werde nachgestammelt.

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich – und richten mich zugrunde.

(J. W v. Goethe: Trilogie der Leidenschaft: Marienbader Elegie)

„Der ich noch erst den Göttern Liebling war“.

Ist er’s nicht doch noch, sonst könnte er doch nicht „sagen, was ich leide“?

Leiden als Voraussetzung von Kunst. Kunst als Leidensbewältigung.

Nicht zufällig hat er das Gedicht mit „An Werther“ (Analyse) zu der „Trilogie der Leidenschaft“ (Interpretation) zusammengestellt.  Mit „Aussöhnung“ (Analyse) nach der Katastrophe.

Mich interessiert auch der Zusammenhang mit Storms „Tiefe Schatten“.

In beiden Fällen ein Selbstzitat als (eine Art) Motto (bei Goethe Tasso„, bei Storm „Trost), in beiden Fällen ein traumatisches Erlebnis, in beiden Fällen durch Kunst gebändigt, doch in unterschiedlicher Weise. 

Am Anfang, als die Welt begann,
Sah Jupiter den ersten Mann,
Wie einsam, wie voll Ernst er sann:
Von wem doch das, was ist, den Ursprung hätte;
Wie er, den Grund von jedem Ding
Zu finden, oft in Winkel ging,
Und immer mit sich selber redte.

Da sprach er zu der Götter Schaar,
Die um ihn her versammelt war:
Der Mensch vertieft sich ganz und gar,
Wenn ich im Denken ihn nicht unterbreche.
Ich wills. Er sprach: Es werd ein Weib,
Ein artig Ding zum Zeitvertreib,
Das mit dem Menschen scherz und spreche.

Schnell war es in des Manns Gestalt,
Doch zärtlicher und nicht so alt,
Mit schlauen Augen, welche bald
Aufs denkende Geschöpf im Winkel fielen;
Und schnell springts hin, und küßt den Mann,
Und spricht: Du Närrchen, sieh mich an!
Ich bin gemacht, mit dir zu spielen.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 – 1803) war deutscher Anakreonitiker, der das „Ferment der Jugendkultur“ „Sex (Küsse), Drogen (Wein) und Musik (anakreontische Lieder)“  (S.531) zum Zwecke der Aufklärung einsetzte. „Gleim erlaubte sich nicht nur Scherze mit Religion und Philosophie, er nahm zugleich der radikalen Aufklärung den Wind aus den Segeln. Was dort mit verbissener Miene traktiert wurde, verpuffte in seinen federleichten Versen. Anstatt sich polemisch gegen die radikale Aufklärung zu wenden und sie damit aufzubauen und wichtig zu nehmen, ließ er sie lächelnd ins Leere laufen.“  (S.530) (Steffen Martus: Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert„, November 2015)

Die offenkundige Ähnlichkeit mit Münchhausens „Birkenlegendchen“ lässt mich erstmalig den Bezug dieses „federleichten“ Gedichts auf die Anakreontik erkennen.

Wenn es bei Münchhausen heißt „Göttliche Hände im Spiele/ lockten ihr blonden das Haar,/ daß ihre Haut ihm gefiele, /seiden und schimmernd sie war.“, so ist sein Gott offenkundig bei der Schöpfung auf sinnlichen Genuss aus. Der Aufklärer Georg Friedrich Meier hatte in seinen „Gedancken von Scherzen“ (1744) noch Scherze über „wichtige Wahrheiten“ wie Philosophie und Religion verboten, um die radikale Aufklärung an der Zerstörung der durch Religion begründeten Moral zu hindern. Gleim und Münchhausen gehen darüber leicht hinweg, indem sie einen Schöpfer außerhalb der herrschenden Religion agieren lassen.

Du meine Seele, du mein Herz,
Du meine Wonn‘, o du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel du, darein ich schwebe,
O du mein Grab, in das hinab
Ich ewig meinen Kummer gab!
Du bist die Ruh‘, du bist der Frieden,
Du bist der Himmel, mir beschieden.
Daß du mich liebst, macht mich mir werth,
Dein Blick hat mich vor mir verklärt,
Du hebst mich liebend über mich,
Mein guter Geist, mein bess’res Ich!

(Friedrich Rückert: Liebesfrühling, 2 III)

„Dass du mich liebst, macht mich mir wert“. Zweierlei steckt darin: Zum einen die allgemeine Aussage, dass Menschen von Beziehungen leben, dass nicht Erfolge und Leistungen, sondern gelungene oder misslungene Beziehungen (und der Versuch, sie gerade zu rücken oder auf Dauer zu bewahren) am Schluss des Lebens die entscheidende Rolle spielen. Zum anderen: „Dass du mich liebst.“ Die entscheidende Beziehung, die dem Leben Sinn gibt.

Schließlich spricht mich an den Versen an, dass Rückert, der große Formkünstler, hier so ganz Seele ist.

Und natürlich auch die Vertonung durch Schumann.

Mai 2017
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