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Die 22-jährige Margarete Exler bittet Gott um Verzeihung für ihre Verse und warnt „Still. Es werden sonst noch mehr.“
Es sind noch mehr geworden, als die 80-jährige die Tage, die ihr noch vergönnt sein werden, als „Liebesangebot“ verstanden sehen will „an diese herrliche ruchlose Welt“.
Gesammelt sind sie in einem Privatdruck „Lyrische Lebensspur“, in dem ich Gedichte finde wie „Judenfriedhof bei Hemsbach“ oder das Sonett „Wenn ich bedenk, was mir mein Leben galt“, das schließt „dann fass‘ ich nicht, was mir den Mut gegeben, so blindlings dieser Stunde zuzuleben.“
Man spürt die Bauform der Shakespeare-Sonette, die die Anglistin der stäker gegliederten in Deutschland üblichen vorzog.
Hier schließe ich fürs erste mit meiner Aufzählung. „Es werden sonst noch mehr.“

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Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst
Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester
Geheime Weisheit zu erlernen, hatte
Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt,
Stets riß ihn seine Forschbegierde weiter,
Und kaum besänftigte der Hierophant
Den ungeduldig Strebenden. »Was hab ich,
Wenn ich nicht alles habe?« sprach der Jüngling,
»Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr?
Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück
Nur eine Summe, die man größer, kleiner
Besitzen kann und immer doch besitzt?
Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte?
Nimm einen Ton aus einer Harmonie,
Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen,
Und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang
Das schöne All der Töne fehlt und Farben.«

Indem sie einst so sprachen, standen sie
In einer einsamen Rotonde still,
Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße
Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert
Blickt er den Führer an und spricht: »Was ists,
Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?«
»Die Wahrheit«, ist die Antwort. – »Wie?« ruft jener,
»Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese
Gerade ist es, die man mir verhüllt?«

»Das mache mit der Gottheit aus«, versetzt
Der Hierophant. »Kein Sterblicher, sagt sie,
Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
Und wer mit ungeweihter, schuldger Hand
Den heiligen, verbotnen früher hebt,
Der, spricht die Gottheit -« – »Nun?« –
»Der sieht die Wahrheit.«

»Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst,
Du hättest also niemals ihn gehoben?«
»Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu
Versucht.« – »Das fass ich nicht. Wenn von der Wahrheit
Nur diese dünne Scheidewand mich trennte -«
»Und ein Gesetz«, fällt ihm sein Führer ein.
»Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst,
Ist dieser dünne Flor – für deine Hand
Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen.«

Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause,
Ihm raubt des Wissens brennende Begier
Den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager
Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel
Führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt.
Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen,
Und mitten in das Innre der Rotonde
Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden.

Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt
Den Einsamen die lebenlose Stille,
Die nur der Tritte hohler Widerhall
In den geheimen Grüften unterbricht
Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft
Der Mond den bleichen, silberblauen Schein,
Und furchtbar wie ein gegenwärtger Gott
Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse
In ihrem langen Schleier die Gestalt.

Er tritt hinan mit ungewissem Schritt,
Schon will die freche Hand das Heilige berühren,
Da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein
Und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme.
Unglücklicher, was willst du tun? So ruft
In seinem Innern eine treue Stimme.
Versuchen den Allheiligen willst du?
Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund,
Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu:
Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen?
»Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf.«
(Er rufts mit lauter Stimm.) »Ich will sie schauen.«
Schauen!
Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.

Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Was er allda gesehen und erfahren,
Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig
War seines Lebens Heiterkeit dahin,
Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe.
»Weh dem«, dies war sein warnungsvolles Wort,
Wenn ungestüme Frager in ihn drangen,
»Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.«

Friedrich v.Schiller 1759-1805

Als Jugendlicher habe ich mit dem Jüngling mitgefühlt. Äußerungen wie „Das ist sehr wichtig, aber nichts für dich,“ und „Das verstehst du noch nicht,“ haben mir nicht gefallen, auch wenn ich noch nichts von „Herrschaftswissen“ gehört hatte.

Doch bald schon habe ich Lessings Text „Über die Wahrheit“ kennen und schätzen gelernt:

Über die Wahrheit

Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. –
Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: „Wähle!“ – ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: „Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“

Andererseits ist die Handlung des Gedichts in sich zureichend spannend, und man wartet darauf, was jetzt passiert. In der 10. Klasse habe ich das Gedicht mal auswendig gelernt, und heute sage ich es mir, wenn ich in einer langen Schlange stehe, immer wieder mal auf. Bei manchen Passagen bin ich freilich unsicher, nur nicht bei „für deine Hand Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen“ und „Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.“

Ich war auch auf den Ton, in dem ich das aufgesagt habe, ganz stolz.
Man könnte das auch auf die Folterer von Stasi und Guantánamo beziehen, wenn es denn Wahrheit sein sollte, was sie sich erfoltern. Die Vorstellung, der Jüngling habe in einen Spiegel geblickt, hat mir nie gefallen. Ein wissensdurstiger Jugendlicher ist nicht das Monster, das ein Wissenschaftler für mich darstellt, der – um genügend Industriegelder einzuwerben – Menschen klont oder andere Verwendungen von Wissenschaft erprobt, die gegen die Menschenwürde verstoßen.


Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Conrad Ferdiand Meyer, 1882

Das Gedicht ist ansprechend, gekonnt, ein Dinggedicht par excellence. Der aufsteigende Strahl steigt onomatopoetisch, aber auch bildhaft auf. Doch was das Besondere dieses Gedichtes ausmacht, wird erst richtig deutlich, wenn man seinen Werdegang über die Jahre betrachtet. Denn ein schönes Gedicht zum selben Gegenstand hatte Meyer schon 18 Jahre früher gedichtet:

Der Brunnen (1864)

In einem römischen Garten
Verborgen ist ein Bronne,
Behütet von, dem harten
Geleucht‘ der Mittagssonne,
Er steigt in schlankem Strahle
In dunkle Laubesnacht
Und sinkt in eine Schale
Und übergießt sie sacht.
Die Wasser steigen nieder
In zweiter Schale Mitte,
Und voll ist diese wieder.
Sie flutet in die dritte:
Ein Nehmen und ein Geben,
Und alle bleiben reich,
Und alle Fluten leben
Und ruhen doch zugleich.

Der schöne Brunnen (1870)

Der Springquell plätschert und ergießt
Sich in der Marmorschale Grund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Rund;
Und diese gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und alles strömt und alles ruht.

Gerade diese drei Fassungen geben Anlass über die Werkstatt des Dichters nachzudenken.

Aufgestanden ist er, welcher lange schlief,
Aufgestanden unten aus Gewölben tief.
In der Dämmrung steht er, groß und unerkannt,
Und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand.

In den Abendlärm der Städte fällt es weit,
Frost und Schatten einer fremden Dunkelheit,
Und der Märkte runder Wirbel stockt zu Eis.
Es wird still. Sie sehn sich um. Und keiner weiß.

In den Gassen faßt es ihre Schulter leicht.
Eine Frage. Keine Antwort. Ein Gesicht erbleicht.
In der Ferne wimmert ein Geläute dünn
Und die Bärte zittern um ihr spitzes Kinn.

Auf den Bergen hebt er schon zu tanzen an
Und er schreit: Ihr Krieger alle, auf und an.
Und es schallet, wenn das schwarze Haupt er schwenkt,
Drum von tausend Schädeln laute Kette hängt.

Einem Turm gleich tritt er aus die letzte Glut,
Wo der Tag flieht, sind die Ströme schon voll Blut.
Zahllos sind die Leichen schon im Schilf gestreckt,
Von des Todes starken Vögeln weiß bedeckt

Über runder Mauern blauem Flammenschwall
Steht er, über schwarzer Gassen Waffenschall.
Über Toren, wo die Wächter liegen quer,
Über Brücken, die von Bergen Toter schwer.

In die Nacht er jagt das Feuer querfeldein
Einen roten Hund mit wilder Mäuler Schrein.
Aus dem Dunkel springt der Nächte schwarze Welt,
Von Vulkanen furchtbar ist ihr Rand erhellt.

Und mit tausend roten Zipfelmützen weit
Sind die finstren Ebnen flackend überstreut,
Und was unten auf den Straßen wimmelt hin und her,
Fegt er in die Feuerhaufen, daß die Flamme brenne mehr.

Und die Flammen fressen brennend Wald um Wald,
Gelbe Fledermäuse zackig in das Laub gekrallt.
Seine Stange haut er wie ein Köhlerknecht
In die Bäume, daß das Feuer brause recht.

Eine große Stadt versank in gelbem Rauch,
Warf sich lautlos in des Abgrunds Bauch.
Aber riesig über glühnden Trümmern steht
Der in wilde Himmel dreimal seine Fackel dreht,

Über sturmzerfetzter Wolken Widerschein,
In des toten Dunkels kalten Wüstenein,
Daß er mit dem Brande weit die Nacht verdorr,
Pech und Feuer träufet unten auf Gomorrh.

Georg Heym

Geschrieben wird das Gedicht auf der Basis der gegenseitigen Bestätigung im Neuen Club 1911 im Zusammenhang mit der zweiten Marokkokrise.

Ich hatte es als Schüler in der 8. oder 9. Klasse auswendig zu lernen. Ich war nie sehr gut in Auswendiglernen. Ich kann es auch nur noch teilweise. Aber das Lernen hat mit nicht nur dies Gedicht, sondern auch andere wie etwa den „Gott der Stadt“ und „Der Herbst“ nahegebracht.

Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn

Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen

Verlassen Feld und Werk; wo Tier‘ und Vögel waren,

Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

 

Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn.

Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren

Ich, du, und was man hat und was man sieht, hinfahren.

Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn.

 

Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten,

Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten!

Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir!

 

Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen,

Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen,

So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu dir.

(Andreas Gryphius)

Dies Sonett ist nicht nur durch den barocken Vanitasgedanken bestimmt. Es zeichnet auch ein atmosphärisch dichtes Bild des Abends und atmet einen Geist von Gottvertrauen, wie er in der Moderne kaum noch überlebt hat. Damit ist es nicht nur Ausdruck eines Weltgefühls der Epoche, sondern auch einer persönlichen Individualität. Mich hat es schon früh persönlich angesprochen.

Objektiver ist  dieser Zugang zum Gedicht.

Die Faulen werden geschlachtet,

die Welt wird fleißig.

Die Häßlichen werden geschlachtet,

die Welt wird schön.

Die Narren werden geschlachtet.

die Welt wird weise.

Die Kranken werden geschlachtet,

die Welt wird gesund.

Die Alten werden geschlachtet,

die Welt wird jung.

Die Traurigen werden geschlachtet,

die Welt wird lustig.

Die Feinde werden geschlachtet,

die Welt wird freundlich.

Die Bösen werden geschlachtet,

die Welt wird gut.

aus: Erich Fried: gesammelte Werke. Bd. 1. Wagenbach Verlag. München 1993, S. 565. © Claassen.

Das Wort schlachten wird verbunden mit vielen positiven Eigenschaften: Fleiß, Schönheit, Weisheit …

So unpassend das klingt, immer wieder tauchen Sätze auf, die sich auf Erfahrungen aus der Realität beziehen:

Häßliche stellen sich dem Chirugen, damit er sie schön macht. Die Geisteskranken und -schwachen (Narren) wurden getötet, damit nur Gesunde weiterleben sollten. Feinde sollen getötet werden, um die Welt sicherer erscheinen zu lassen. So überfällt man aus Angst vor Al Quaida Afghanistan.

Als das Schlachten die Welt lustig machen soll, spürt man den Wahnsinn, der dahinter steht.

Aber erst die letzte Zeile entlarvt die Versprechen von vorher als Zwecklügen. Wie kann Schlachten anderer Menschen die Welt gut machen?

Das Töten von Feinden hat ja seit Jahrtausenden seine Rechtfertigung gefunden und die bestand im Grunde immer darin, dass nur so die wünschenswerte gute Welt entstehen könne. Erst da, wo die Methode Schlachten direkt dazu führen soll, dass die Welt gut wird, da erst wird die Argumentation Der Zweck heiligt die Mittel ganz ad absurdum geführt. Erreicht wird es aber nicht allein durch die letzten beiden Zeilen, sondern dadurch, dass das Ergebnis dieser ständigen Schlachterei die Welt gut machen soll.

Hier findet sich eine Anregung, wie man das Gedicht im Unterricht behandeln kann, und hier weitere Gedichte von Fried, über die nachzudenken sich lohnt.

 

Von dem Berge zu den Hügeln,
Niederab das Tal entlang,
Da erklingt es wie von Flügeln,
Da bewegt sich’s wie Gesang;
Und dem unbedingten Triebe
Folget Freude, folget Rat;
Und dein Streben, sei’s in Liebe,
Und dein Leben sei die Tat.

Denn die Bande sind zerrissen,
Das Vertrauen ist verletzt;
Kann ich sagen, kann ich wissen,
Welchem Zufall ausgesetzt
Ich nun scheiden, ich nun wandern,
Wie die Witwe trauervoll,
Statt dem einen mit dem andern
Fort und fort mich wenden soll!

Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!
Kopf und Arm mit heitern Kräften,
Überall sind sie zu Haus;
Wo wir uns der Sonne freuen,
Sind wir jede Sorge los:
Daß wir uns in ihr zerstreuen,
Darum ist die Welt so groß.

Dies Gedicht aus dem 1. Kapitel des dritten Buches von Goethes Wanderjahren erhält seine Interpretation zum einen durch den Zusammenhang, in dem es dort steht. Andererseits sollte man auch berücksichtigen, dass es auf die Amerikafahrer des Schlusses der Wanderjahre hindeutet und dass heiter beim alten Goethe etwas ganz anderes bedeutet, als was wir uns unter „allgemeine Heiterkeit“ vorstellen. Fast geht es etwas in Richtung von abgeklärt wie in „friedlich und heiter ist dann das Alter“ bei Hölderlin. Besser trifft vielleicht in diesem Kontext: frohgemutes Sich-nicht-irre-machen-lassen.

Durch so viel Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewusst,
es gibt nur eines: ertrage
– ob Sinn, ob Sucht, ob Sage –
dein fernbestimmtes: Du musst.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

(Gottfried Benn)

Es lässt sich hier viel kommentieren und interpretieren.

Dass es „mein“ Gedicht „meines“ Wahlschriftstellers wurde, den wir damals für das Abitur in Deutsch haben sollten, lag an der Verbindung von großem Ton – den Benn in seinem Vortrag „Probleme der Lyrik“ ja als ein „So geht es nicht mehr“ bezeichnet hat – mit Verhaltenheit und Resignation, die sich als heroische darstellt.


Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere
und
ob Sinn, ob Sucht, ob Sage diese großen Worte, die den großen Ton bringen, den Benn nicht nur in „Dennoch die Schwerter halten“ immer wieder gebraucht hat.

Schließlich das gezeichnete Ich. Es passt in Pubertät, Nachpubertät, ins Reifealter, ins Alter.

Aber nicht nur das Gedicht, sondern auch meine naseweise Anfrage an unseren Lehrer, als er uns Warum? als die typische Kinderfrage vorstellte, ist für mich mit diesem Gedicht verbunden. Natürlich ist Wozu? alles andere als eine Kinderfrage, und man kann sie geradezu als Beleg für das Ende der Kindheit ansehen, wenn Leistungsstreben (Zweck) an die Stelle von Selbstvergessenheit tritt. Erlebt habe ich die Frage als die typische Abwehrfrage gegen menschliche Herausforderungen. Aber Benn meint mit Kinderfrage ja auch nicht die Frage eines Kindes, sondern die eines Menschen, der noch nicht zum stolz-resignativen gezeichneten Ich hindurchgedrungen ist.

Il pleure dans mon coeur

Il pleure dans mon coeur
Comme il pleut sur la ville ;
Quelle est cette langueur
Qui pénètre mon coeur ?

Ô bruit doux de la pluie
Par terre et sur les toits !
Pour un coeur qui s’ennuie,
Ô le chant de la pluie !

Il pleure sans raison
Dans ce coeur qui s’écoeure.
Quoi ! nulle trahison ?…
Ce deuil est sans raison.

C’est bien la pire peine
De ne savoir pourquoi
Sans amour et sans haine
Mon coeur a tant de peine !

(Paul Verlaine)

„De ne savoir pourquoi“:  Wodurch Schmerz zur Schönheit wird. Durch Klang, auch durch Assoziationen. Man weiß es nicht, fürchtet die Übersetzung wie die Erklärung.

Doch beim Versuch, es laut zu lesen, es so zu interpretieren, oder das Eigentümliche in eine andere Sprache hinüberzutragen, kann dies Gedicht mehr noch als andere deutlich machen, was den Zusammenhang von Form und Aussage ausmacht.

Legende von der Entstehung des Buches Taoteking

auf dem Weg des Laotse in die Emigration
Als er siebzig war und war gebrechlich
drängte es den Lehrer doch nach Ruh
denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu
und er gürtete den Schuh.
2
Und er packte ein, was er so brauchte:
Wenig. Doch es wurde dies und das.
So die Pfeife, die er abends immer rauchte
und das Büchlein, das er immer las.
Weißbrot nach dem Augenmaß.
3
Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
kauend, während er den Alten trug.
Denn dem ging es schnell genug.
4
Doch am vierten Tag im Felsgesteine
hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.“
Und so war auch das erklärt.
5
Doch der Mann in einer heitren Regung
fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“
Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den harten Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.
6
Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöre
Trieb der Knabe nun den Ochsen an.
Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre
Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann
Und er schrie: „He du! Halt an!
7
Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“
Hielt der Alte: „Intressiert es dich?“
Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter
Doch wer wen besiegt, das intressiert auch mich.
Wenn du’s weißt, dann sprich!
8
Schreib mir’s auf! Diktier es diesem Kinde!
So was nimmt man doch nicht mit sich fort.
Da gibt’s doch Papier bei uns und Tinte
und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.
Nun, ist das ein Wort?“
9
Über seine Schulter sah der Alte
Auf den Mann: Flickjoppe, keine Schuh.
Und die Stirne eine einzige Falte.
Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.
Und er murmelte: „Auch Du?“
10
Eine höfliche Bitte abzuschlagen
War der Alte, wie es schien, zu alt.
Denn er sagte laut: „Die etwas fragen,
Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“
„Gut, ein kleiner Aufenthalt.“
11
Und von seinem Ochsen stieg der Weise
Sieben Tage schrieben sie zu zweit.
Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise
Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit.)
Und dann war’s soweit.
12
Und dem Zöllner händigte der Knabe
Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein.
Und mit Dank für eine kleine Reisegabe
Bogen sie um jene Föhre ins Gestein.
Sagt jetzt: kann man höflicher sein?
13
Aber rühmen wir nicht nur den Weisen
Dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt.

Bertolt Brecht

Man kann dies Gedicht im großen Zusammenhang sehen als  Beispiel der Exilliteratur. „Du verstehst, das Harte unterliegt“ ist 1938 natürlich eine wichtige Aussage zu Hitler.

Mich interessiert daran aber mehr das Kleine:„die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich“. Nicht die große Klage: „ich lebe in schlechten Zeiten“, sondern: mal so, mal so. Jetzt ist gerade Bosheit angesagt, und darauf gilt es zu reagieren.

„Und so war auch das erklärt.“  Das heißt: Keine Kostbarkeiten für Weltverbesserer. Steuerfreiheit für Daimler-Benz, damit er seine Milliarden nicht an den Staat, sondern an misslungene Übernahmen wie die von AEG und Chrysler verschwenden kann. Kein Geld für Bildung.

Es heißt aber auch: Ich, Brecht, definiere mich nicht darüber, dass ich Millionen als „peanuts“ bezeichnen kann. Ich verstehe mich unter dem Auftrag: „Die etwas fragen, Die verdienen Antwort.“

Möglichst umfassend informiert über dies Gedicht der Wikipediaartikel Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration.

Viel Material zu einer intensiven Analyse des Gedichts stellt norberto42 zusammen.

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