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Gefallne Blüte
sie kehrt zurück zum Zweige:

als Schmetterling

(Arakida Moritake)

Oben sieht man die Blütenblätter noch fallen, unten erheben sie sich schon wieder.
Seliges Taumeln des Blütenblatts wie des Schmetterlings.
Ein typisch japanischer Tribut an die Vergänglichkeit. Nicht nur die Blüte, auch der Schmetterling ist sehr vergänglich.

Das Bild und die Poesie ginge völlig verloren, wollte man zynisch-realistisch schreiben:

Als Schmetterling
kehrt zum Zweig zurück
fette Raupe

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(Erich Fried geschuldet)

Die da eintreten
für Tierversuche
ohne Quälerei
für Massentierhaltung
ohne Arzneigaben
für billiges Fleisch
ohne Hormonzusätze
für freie Fahrt für freie Bürger
ohne Verkehrstot
für Wohlstand und Freiheit
ohne Asylbewerber
für Dioxin-Emission
für Atomkraftwerke
ohne Sicherheitsrisiko
für Tiefflüge
ohne unnötige Lärmbelastung
für Atombombenbesitz
ohne Anwendungsgefahr
sollen gesegnet sein
ohne Segen
und gelobt
ohne Lob
oder sollen verflucht sein
ohne Fluch

(Brigitte Jährling)

Heute möchte man hinzusetzen: für hohe Rendite ohne Zerstörung gesunder wirtschaftlicher Betriebe und für unregulierte Märkte ohne dass der Steuerzahler die Zeche zahlt.

Was ich an Brigitte Jährlings Gedichten so schätze, ist, dass sie den traurigen politischen Botschaften durch die Form eine Freude über die Ästhetik hinzufügt. Recht haben, ohne Notwendiges politisch durchsetzen zu können, ist immer so frustrierend. Dazu hat Brigitte Jährling auch ein Gedicht geschrieben …

I wander’d lonely as a cloud
That floats on high o’er vales and hills,
When all at once I saw a crowd,
A host, of golden daffodils;

Beside the lake, beneath the trees,
Fluttering and dancing in the breeze.
Continuous as the stars that shine
And twinkle on the Milky Way,
They stretch’d in never-ending line
Along the margin of a bay:

Ten thousand saw I at a glance,
Tossing their heads in sprightly dance.
The waves beside them danced; but they
Out-did the sparkling waves in glee:
A poet could not but be gay,
In such a jocund company:

I gazed — and gazed — but little thought
What wealth the show to me had brought:
For oft, when on my couch I lie
In vacant or in pensive mood,
They flash upon that inward eye
Which is the bliss of solitude;

And then my heart with pleasure fills,
And dances with the daffodils.

(William Wordsworth, 1804)

Der Inbegriff der zivilisationsgeprägten Naturliebe, die wir der Romantik verdanken. Immer wieder, wenn man Natur in dieser uns beigebrachten Weise dankbar in sich aufnimmt, kann man Verse daraus für sich zitieren.

Les sanglots longs
Des violons
De l’automne
Blessent mon coeur
D’une langueur
Monotone.

Tout suffocant
Et blême, quand
Sonne l’heure,
Je me souviens
Des jours anciens
Et je pleure.

Et je m’en vais
Au vent mauvais
Qui m’emporte

Deçà, delà,
Pareil à la
Feuille morte.

(Paul Verlaine)

Klang und Stimmung. Das Wortgespinst in seiner Ganzheit von Form und Gehalt ging nie in mich ein. Dass ich das Gedicht auswendig konnte, ist lange her – wenn ich es überhaupt einmal auswendig konnte. Aber es hat mich mehr berührt als andere Gedichte, die ich besser verstanden habe.

Integer vitae scelerisque purus
non eget Mauris iaculis nequ‘ arcu,
nec venenatis gravida sagittis,

Fusce, pharetra,

sive per Syrtes iter aestuosas,
sive facturus per inhospitalem
Caucasum vel quae loca fabulosus

lambit Hydaspes.

Namque me silva lupus in Sabina,
dum meam canto Lalagen et ultra
terminum curis vagor expeditis,

fugit inermem,

quale portentum neque militaris
Daunias latis alit aesculetis,
nec Iubae tellus generat, leonum

arida nutrix

Pone me pigris ubi nulla campis
arbor aestiva recreatur aura,
quod latus mundi nebulae malusque

Jupiter urget;

pone sub curru nimium propinqui
solis, in terra domibus negata:
Dulce ridentem Lalagen amabo,

dulce loquentem.

Klassisches Versmaß habe ich nie im griechischen Original genießen können. Bei Horaz hatte ich am Klang mancher Verse meine Freude. Den Inhalt habe ich, bei der ersten Übersetzung noch parat gehabt, danach war er beim Rezitieren der Verse nur noch halb präsent.
Umso mehr Spaß hatte ich an Morgensterns Travestien, die bei aller Profanisierung so manches von der Haltung des Sprechers bewahrten.

Wer ein braver, ehrlicher Gottesmensch ist,
braucht nicht Degenstöcke, noch Ochsenziemer,
noch amerikanische Schlagringwaffen,

noch auch Revolver, –

ob er die unwirtliche Hasenheide
oder den Tiergarten des Nachts durchwandert
oder nach dem Norden Berlins geht, wo die

Panke sich schlängelt.

Stiefle ich im Grunewald jüngst nach Schildhorn,
pfeife lustig «Anne-Marie, erhör mich!»,
als ein Hirsch zwölf Schritte vor mir sich regt und –

fort wie der Satan!

’s war ein Kapitalkerl, ein Achtzehnender,
wie so groß ich keinen zuvor gesehen!
Keine Waffe hatt ich –  und doch! er forcht sich! –:

fort wie der Satan!

Laß am Nordpol mich zu den Robben gehen
und im ewigen Eise den Eisbären treffen –
Glaubst du, daß mir einer ein Leides täte?

Ebensowenig!

Wär ich in der Wüste, im Löwenviertel
Afrikas, ich würde mich doch nicht fürchten!
Pfeifen würd ich «Anne-Marie, erhör mich»,

pfeifen, ja pfeifen.

Viele Drachen stehen in dem Winde,
Tanzend in der weiten Lüfte Reich.
Kinder stehn im Feld in dünnen Kleidern,
Sommersprossig und mit Stirnen bleich.

In dem Meer der goldnen Stoppeln segeln
Kleine Schiffe, weiß und leicht erbaut;
Und in Träumen seiner leichten Weite
Sinkt der Himmel wolkenüberblaut.

Weit gerückt in unbewegter Ruhe
Steht der Wald wie eine rote Stadt.
Und des Herbstes goldne Flaggen hängen
Von den höchsten Türmen schwer und matt.

Georg Heym
Wegen der Jahreszeit und weil die Rilkegedichte ja doch jeder kennt, ziehe ich dies Heym-Gedicht vor, bevor ich zu den fremdsprachigen komme. Natürlich prunkt es mit Farben und erinnert mich wie andere farbbetonte Herbstgedichte daran, dass ein Klassenkamerad in einem Aufsatz über den Herbst diesen „des Winters Hofnarren“ nannte, was ich mir immer mit dem farbigen Narrenkostüm erklärte.
Es ist auch viel Leichtigkeit im Gedicht. Doch das „mit Stirnen bleich“ bringt schon früh die Mattigkeit mit sich, mit der die letzte Zeile schließt. Ich assoziiere damit das Traklsche „dünn und zag“ aus „In den Nachmittag geflüstert“, ein Gedicht, das ja auch „Farben träumt“ und gleichzeitig auf Sterben hindeutet.

Herr, schicke was du willt
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß Beides
aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten,
Liegt holdes Bescheiden.

(Eduard Mörike)

Das Gedicht beeindruckt in seiner Gottergebenheit. Die dritte Bitte des Vaterunsers „Dein Wille geschehe“ wird ausgeführt. Leid wird nicht beklagt, es wird nicht darüber gerechtet, es wird als gottgegeben akzeptiert.

Diese Aussage bleibt erhalten, auch wenn man dem nachspürt, was zu dieser Aussage nicht so ganz passt.

Da ist zum einen das ungewohnte willt. Natürlich kann man mit Reimzwang und altertümliche Form darüber hinweggehen, doch das reicht bei einem Dichter wie Mörike nicht aus. Denn er ist nicht gezwungen, in diesem kurzen Gedicht unbedingt das Wort quillt zu verwenden, und außerdem gibt es manche andere Reimwörter dazu. Und die altertümliche Form ist bereits so ungewohnt, dass sie auffallen muss. Weshalb also der harte Schluss schon in der ersten Zeile?

Zweierlei legt sich nahe. Zum einen: Das Leid, was kommt, kann man sich hinzunehmen zwar vornehmen, es bleibt aber trotzdem hart, es passt sich nicht ein und stört.

Zum andern: Das willt verweist voraus auf quillt, und dieses quillt passt gar nicht zu dem Wunsch des Beters, dass er nicht überschüttet werden will. Denn er nimmt ja nicht eine Gabe Gottes aus diesen Händen an, sondern Freud und Leid quellen aus ihnen hervor, auch ohne dass sie sich darreichend öffnen.  Dies Bild kann verstören, wenn man nicht zugleich den Ursprung des Wortes von Quelle her bedenkt. Gott ist Quelle und Ursprung des Lebens, er ist der Schöpfer, ohne ihn ist nichts, und deshalb wird, wer das Leben empfängt, damit zugleich all das empfangen, was ihm der Schöpfer in diesem Leben zugedacht hat.

Von da aus wird auch klar, was die Aussage der zweiten Strophe ist. Die ist nämlich gar nicht so gottergeben, wie das Gedicht als ganzes wirkt. Hier hat der Beter nämlich eine Forderung an Gott. Er soll ihn nicht überschütten. Doch diese Forderung, dass nicht einfach hingenommen wird, was das Leben bringt, das – sagt der Beter – sei ein Bescheiden, hold, das heißt in treuer Freundschaft.

Von da aus wird klar: Der Beter spricht gegenüber Gott aus, dass er ein Übermaß an Leiden, wie es Hiob erfahren musste, nicht hinnehmen könnte. Dann könnte er ihm nicht mehr hold sein, dann würde er mit ihm rechten. Doch er sagt es nur ganz verhalten, versteckt, gebändigt. Die Gesamtaussage bleibt: Ich nehme mein Schicksal hin, weil es von dir kommt, von dem ich gemacht bin.

Max Bruch hat in seiner Vertonung des Gebets Härte und Forderung bereits in das erste Wort Herr gelegt. Im Forte wird es von drei Stimmen vorgetragen und denen ins Wort fallend vom Bass sofort wiederholt.

Von da ab stimmt auch Bruch seine Vertonung ganz auf Gottergebenheit ab. Zwar wird das Wort Leid klagend vorgetragen, doch klingt es gerade dadurch schön. Und nach Spannungen während des weiteren Vortrags klingt das Gebet im Piano in stiller Harmonie aus.

Sonnenschein auf grünem Rasen,
Krokus drinnen blau und blass;
Und zwei Mädchenhände tauchen
Blumen pflückend in das Gras.

Und ein Junge kniet daneben,
Gar ein übermütig Blut,
Und sie schaun sich an und lachen –
O wie kenn ich sie so gut!

Hinter jenen Tannen war es,
Jene Wiese schließt es ein –
Schöne Zeit der Blumensträuße,
Stiller Sommersonnenschein!

(Theodor Storm)

Lyrik gibt Gefühle des Sprechers wieder. Deshalb sind Gedichte über Kinder so selten. Auch hier ist es ein Erwachsener der spricht, aber trotz aller Sentimentalität des Rückblicks, die Bilder zeigen doch eine gegenwärtige Situation. So erleben wir zwei Gefühle mit: das der Kinder im Gras und das des Sprechers, der sich an seine Kindheit zurück erinnert.

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