Der soziologische Nenner,
der hinter Jahrtausenden schlief,
heißt: ein paar große Männer
und die litten tief.

Heißt: ein paar schweigende Stunden
in Sils-Maria-Wind,
Erfüllung ist schwer von Wunden,
wenn es Erfüllungen sind.

Heißt: ein paar sterbende Krieger
gequält und schattenblaß,
sie heute und morgen der Sieger -:
warum erschufst du das?

Heißt: Schlangen schlagen die Hauer
das Gift, den Biß, den Zahn,
die Ecce-homo-Schauer
dem Mann in Blut und Bahn –

heißt: so viel Trümmer winken:
die Rassen wollen Ruh,
lasse dich doch versinken
dem nie Endenden zu –

und heißt dann: schweigen und walten,
wissend, daß sie zerfällt,
dennoch die Schwerter halten
vor die Stunde der Welt.

In seinem Vortrag „Probleme der Lyrik“ sprach Gottfried Benn sich gegen den seraphischen Ton in Gedichten aus. Auch wenn man sein Pathos nicht seraphisch nennen wird: Der hohe Ton des Sehers und Weltweisen bestimmt nicht wenige seiner Gedichte. Und als ich sie kennengelernt habe, hat er mich immer wieder angesprochen, gerade in seiner Verbindung mit dem Parlando.
Im vorliegenden Gedicht ging mir das Pathos allerdings schon damals etwas zu weit. Nichts dagegen, dass schöpferisch sein und mehr Erkenntnis als andere zu haben, oft Leiden bedeutet. Wer wollte schon so unglücklich leben wie Kafka?
Aber müssen es unbedingt Schwerter sein? Freilich, vor dem Paradies steht der Cherub mit dem Flammenschwert und lässt uns nicht hinein. Wenn Benn in diesem Gedicht nur Männer zum Nenner der Weltgeschichte macht – war seine Geliebte Else Lasker-Schüler etwa nicht groß, hat sie nicht gelitten? – kann es kaum dem Reim zuschieben, freilich passt es zu Heinrich von Treitschkes „Männer machen die Geschichte.“ Nun hätte man freilich hoffen können, Benn sei da etwas weiter. Aber mit der politischen Korrektheit war es damals halt noch nicht weit her.

Doch müssen die großen Männer, die leiden, unbedingt Cherubim sein?
Wenn keine Seraphim, dann wenigstens Cherubim? Muss ein Autor, der auf seine Modernität so stolz ist, so stark auf halbwegs veraltete christliche Traditionen zurückgreifen?
Gleichviel: zur Hälfte konnte ich das Gedicht noch auswendig, als ich mich vor kurzem wieder darauf besann. Es muss mir imponiert haben.

(Wer Interpretationsversuche lesen will, findet hier etwas dazu.)

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