Die Vogelnestwurz man findet
und Wintergrün so bleich.
Auch Schwalbenwurz uns verkündet:
Im Kalk ist die Flora sehr reich.
Die Felsenmispel am Hange
beim Feldahorn fröhlich steht.
Den Faulbaum kennt man schon lange:
Die kleinen Blüten hier seht!
Wir können schon besser erkennen
das Perl- und das Zittergras,
und können die Blumen wir nennen,
so macht uns das alles viel Spaß.

Dass da kein Benn und kein Brecht spricht, ist klar. Und im Grunde kann man schon aus den Gedichttiteln genau die Leerstelle finden, an die diese Verse einzuordnen sind.
Aber damit ist noch nicht gesagt, wer spricht.

Hören wir ein paar Verse mehr:

Wie eng gebunden ist das Pflanzensein
an Boden, Himmelsrichtung, Wärme, Wind.
Was in den Winternächten wir hörten,
das wollen wir mit Mann und Kind
– auch ohne sie, wenn sie uns störten –
lebendig sehen, greifen, selbst ersteigen

Anscheinend eine Mutter, die sich ihrer Freiheit freut. Nicht gebunden wie die Pflanzen, sondern fähig, – ausnahmsweise und für kurze Zeit – sich unabhängig von ihrer Familie zu bewegen.

Und dann folgen die Verse:

Die Heimfahrt ist beschaulich heiter,
im Nachbarn man aufs neu entdeckt,
daß alles Leben gehet weiter,
auch wenn der Bombenkrieg geschreckt.
Denn was zum Leben uns Mut gibt,
das ist, daß man die Heimat liebt.
Die Heimat, ihre Städte, Berge,
die ganze Welt, den Sonnenschein!
Das macht zu Riesen Kräftezwerge
und läßt uns frohe Menschen sein.

Die „Spaßgesellschaft“, die in den Versen „und können die Blumen wir nennen, / so macht uns das alles viel Spaß“ anklingt, ist die der Nachkriegszeit. Materiell schlechter gestellt als ein Hartz-IV-Empfänger weiß man sich doch mit seinen Nachbarn im gleichen Boot.
Natur, Gemeinschaft und der Wille, zu lernen, an Bildungswerten festzuhalten, das sind die Werte, die sie teilen.

Und „Mann und Kind“ hätten nicht gestört.
Denn hier spricht eine Kriegerwitwe, die im Gedicht fixiert, was sie ihrem Mann nicht mehr erzählen kann.

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