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Fünfzig Jahre werden es ehstens sein,
Da trat ich in meinen ersten »Verein«.
Natürlich Dichter. Blutjunge Ware:
Studenten, Leutnants, Refrendare.
Rang gab’s nicht, den verlieh das »Gedicht«,
Und ich war ein kleines Kirchenlicht.

So stand es, als Anno 40 wir schrieben;
Aber ach, wo bist du Sonne geblieben?
Ich bin noch immer, was damals ich war,
Ein Lichtlein auf demselben Altar,
Aus den Leutnants aber und Studenten
Wurden Gen’räle und Chefpräsidenten.

Und mitunter, auf stillem Tiergartenpfade,
Bei »Kön’gin Luise« trifft man sich grade.
»Nun, lieber F., noch immer bei Wege?«
»Gott sei Dank, Exzellenz … Trotz Nackenschläge …«

»Kenn‘ ich, kenn‘ ich. Das Leben ist flau …
Grüßen Sie Ihre liebe Frau.«

Was sagt Theodor Fontane?

„Narürlich weiß ich, dass ihr mich nicht für voll nehmt, und ich habe auch viele Bücher geschrieben, in denen ich eure Verdienste gepriesen habe.
Die habt ihr auch wirklich.

Wenn ihr eine Ahnung von Literatur hättet, wüsstet ihr genau, dass ich kein kleines Kirchenlicht war, und jetzt bin ich es noch viel weniger.
Aber ich gönne euch ja euren Hochmut.
Ich werde euch doch nicht wie Storm, der Stoffel, sagen, was ich wirklich von euch halte.
Denn nur wenn ihr was von Sprache versteht, könnt ihr es herauslesen.
Aber selbst wenn ihr das könnt, könnt ihr mir nichts nachweisen.“

So lese ich das Gedicht. Aber auch ich kann ihm nichts nachweisen.
Und das gefällt mir an dem Gedicht.

Birke, du schwankende, schlanke,
wiegend am blassgrünen Hag,
lieblicher Gottesgedanke
vom dritten Schöpfungstag

Gott stand und formte der Pflanzen
endlos wuchernd Geschlecht,
schuf die Eschen zu Lanzen,
Weiden zum Schildegeflecht.

Gott schuf die Nessel zum Leide,
Alraunenwurzeln zum Scherz,
Gott schuf die Rebe zur Freude,
Gott schuf die Distel zum Schmerz.

Mitten in Arbeit und Plage
hat er ganz leise gelacht,
als an den sechsten der Tage,
als er an Eva gedacht.

Sinnend in göttlichen Träumen
gab seine Schöpfergewalt
von den mannhaften Bäumen
einem die Mädchengestalt.

Göttliche Hände im Spiele
lockten ihr blonden das Haar,
daß ihre Haut ihm gefiele,
seiden und schimmernd sie war.

Biegt sie und schmiegt sie im Winde
fröhlich der Zweigelein Schwarm,
wiegt sie, als liegt ihr ein Kinde
frühlingsglückselig im Arm.

Birke, du mädchenhaft schlanke,
schwankend am grünenden Hag,
lieblicher Gottesgedanke
vom dritten Schöpfungstag!

Börries von Münchhausen

Wenn Schiller beklagt, dass mit den griechischen Göttern und der durch Göttliches beseelten Natur die ästhetische Welt verloren gegangen sei, so trifft das für dies Gedicht, das mit dem christlichen Gott so schalkhaft umgeht, nicht zu.
Beim Gedanken an Eva müsste Gott doch schon an Schlange und Erbsünde denken, wenn er ein Gott der Moralapostel wäre. Aber nein, er hat sein ästhetisches Wohlgefallen an der Birke schon in Vorfreude auf sein künftiges Geschöpf.
Auf diesen Gott will allerdings der Satz „Als Gott den Mann schuf, übte sie noch“ nicht recht passen. Laut Gedicht war er schon beim Erschaffen der Birke ein Könner.
Freilich, Allergiker werden es anders sehen. – Oder sollte Gott die Allergien und atomare Strahlung erschaffen haben, weil er versprochen hat, dass keine Sintflut mehr kommt??

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