You are currently browsing the monthly archive for September 2010.

»Nehmt hin die Welt!« rief Zeus von seinen Höhen
Den Menschen zu. »Nehmt, sie soll euer sein!
Euch schenk ich sie zum Erb und ewgen Lehen,
Doch teilt euch brüderlich darein.«
 
Da eilt, was Hände hat, sich einzurichten,
Es regte sich geschäftig jung und alt.
Der Ackermann griff nach des Feldes Früchten,
Der Junker birschte durch den Wald.
 
Der Kaufmann nimmt, was seine Speicher fassen,
Der Abt wählt sich den edeln Firnewein,
Der König sperrt die Brücken und die Straßen
Und sprach: »Der Zehente ist mein.«
 
Ganz spät, nachdem die Teilung längst geschehen,
Naht der Poet, er kam aus weiter Fern;
Ach! da war überall nichts mehr zu sehen,
Und alles hatte seinen Herrn!
 
»Weh mir! so soll ich denn allein von allen
Vergessen sein, ich, dein getreuster Sohn?«
So ließ er laut der Klage Ruf erschallen
Und warf sich hin vor Jovis Thron.
 
»Wenn du im Land der Träume dich verweilet«,
Versetzt der Gott, »so hadre nicht mit mir.
Wo warst du denn, als man die Welt geteilet?«-
»Ich war«, sprach der Poet, »bei dir.
 
Mein Auge hing an deinem Angesichte,
An deines Himmels Harmonie mein Ohr –
Verzeih dem Geiste, der, von deinem Lichte
Berauscht, das Irdische verlor!«
 
»Was tun?« spricht Zeus. »Die Welt ist weggegeben,
Der Herbst, die Jagd, der Markt ist nicht mehr mein.
Willst du in meinem Himmel mit mir leben:
So oft du kommst, er soll dir offen sein.«

Wenn man’s von Klaus Kinski gelesen haben will, kostet’s Geld.

Die Deutung, der Dichter habe mit dem Himmel das bessre Teil bekommen, geht vermutlich ziemlich an Schillers Lebensgefühl vorbei. Zu hart musste er als Schwerkranker noch arbeiten, zu scharf musste er kalkulieren und auf Einnahmen von noch zu schreibenden Stücken setzen, als dass er sich mit seinem wirtschaftlichen Status hätte zufrieden bescheiden können.

In einer zuvor anonym veröffentlichten Fassung des Gedichtes heißt es in der 3. Strophe noch viel schärfer:

Der Kaufmann füllte sein Gewölb, die Scheune
Der Fermier, das Faß der Seelenhirt,
Der König sagte: Jeglichem das Seine:
Und mein ist – was geerntet wird!*

*zitiert nach Peter von Matt: Wörterleuchten, 2009, S.50

So scharf die Fürsten anzugreifen, entsprach ganz dem Geiste der Räuber, wer als – vom Staat nicht bezahlter – Professor arbeitete (als Privatdozent bekam Schiller nur die Hörergelder), hielt sich besser zurück.

Es ist ja wirklich so eine Sache mit dem Himmel. Hölderlin schrieb wenig später: „Einmal lebt‘ ich wie Götter, und mehr bedarfs nicht.“
In seiner unglücklichen Liebe, in den beengten Verhältnissen, in denen er in Bad Homburg lebte und dann langsam in den Wahnsinn verfiel, wird er nicht wirklich noch so gedacht haben, wenn es denn je mehr als ein Bild für den seelischen Aufschwung war, den der schöpferische Mensch bei seiner Arbeit – kurzfristig – erleben kann.

Die Welt mit ihrem Gram und Glücke
Will ich, ein Pilger, frohbereit
Betreten nur wie eine Brücke
Zu Dir, Herr, übern Strom der Zeit.

Und buhlt mein Lied, auf Weltgunst lauernd,
Um schnöden Sold der Eitelkeit:
Zerschlag mein Saitenspiel, und schauernd
Schweig ich vor Dir in Ewigkeit.

Welt als Brückentechnologie zu Gott. Hölderlins „Saitenspiel“ („wenn auch mein Saitenspiel mich nicht hinab begleitet“) wird schon vor dem Tod aufgegeben für den Fall, dass ihm Buhlen um Weltgunst nachgesagt werden kann. Eine andere Art, das Gedicht um seiner selbst willen heilig zu sprechen.

Als Ratehilfe: Die erste Zeile lautet: O wunderbares, tiefes Schweigen

Auflösung: hier

Den Text habe ich geschrieben, um auf eine Gedichtseite aufmerksam zu machen, die ich jetzt neu hier verlinke.

September 2010
M D M D F S S
« Aug   Nov »
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
27282930