You are currently browsing the monthly archive for Dezember 2014.

Willkommen kleine Bürgerin
Im bunten Tal der Lügen!
Du gehst dahin, du Lächlerin!
Dich ewig zu betrügen

Was weinest du? die Welt ist rund
Und nichts darauf beständig.
Das Weinen nur ist ungesund
Und der Verlust notwendig.

Einst wirst du, kleine Lächlerin!
Mit süßerm Schmerze weinen
Wenn alle deinen treuen Sinn
Gott! zu verkennen scheinen.

Dann wirst du stehn auf deinem Wert
Und blicken, wie die Sonne
Von der ein jeder weg sich kehrt
Zu blind für ihre Wonne.

Bis daß der Adler kommen wird
Aus fürchterlichen Büschen,
Der Welten ohne Trost durchirrt –
Wie wirst du ihn erfrischen!

Jakob Michael Reinhold Lenz, 1751-1792

Auf Cornelia Schlossers zweite Tochter Juliette

Dazu die Wikipedia:

„Auch verband sie ein inniges Verhältnis mit Jakob Michael Reinhold Lenz, der ihr und Schlosser vom Bruder „in Pflege gegeben“ worden war. So spricht Lenz in mehreren Dichtungen von Cornelia als seiner „Muse Urania“. Sie bestimmte ihn zum Paten ihrer zweiten Tochter, der er das Gedicht Willkommen kleine Bürgerin zur Geburt schrieb. […] Cornelia starb nur vier Wochen später im Alter von 26 Jahren.“

(Seite „Cornelia Schlosser“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Mai 2014, 19:32 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Cornelia_Schlosser&oldid=130526374 (Abgerufen: 15. Dezember 2014, 22:50 UTC))

Dich ewig zu betrügen

Er sieht für sie sein eigenes Schicksal voraus. Das wird noch deutlicher bei:

Wenn alle deinen treuen Sinn
Gott! zu verkennen scheinen.

Bis daß der Adler kommen wird
Aus fürchterlichen Büschen,
Der Welten ohne Trost durchirrt –

(Ist wohl eine Anspielung auf die Begegnung von Nausikaa und Odysseus)

Er wünscht ihr die Begegnung mit einem Großem, dem sie Muse und Stütze sein kann.

Einem Großen ist er begegnet (Goethe), aber der wollte von ihm nichts wissen. Doch dann kam ein anderer Großer (Büchner) und macht den so verkannten Lenz unsterblich, indem er ihn in sein Werk aufnimmt.

Ganz aktuell Wolfgang Rihms Oper „Jakob Lenz

Es versteht sich von selbst, dass Lenz das Neugeborene noch nicht wirklich kennen kann. Wenn er es also anspricht, so vor allem als Tochter Cornelias. Damit sagt er Cornelia, dass er die Welt, in der sie zwei Jahre nach der Geburt ihrer ersten Tochter noch bettlägerig war, als „Tal der Lügen“ ansieht und dass er glaubt, dass ihr „treuer Sinn“ verkannt wird. Doch dies Verkanntwerden sei ein süßer Schmerz, weil sie ja wisse, dass sie strahle wie die Sonne und dass alle blind seien, die sie nicht recht zu schätzen wissen.
Und jetzt wird die Voraussage über Juliettes Zukunft zu einer Selbstaussage von Lenz. So wie Juliette einst den „Adler“ erfrischen wird, so fühlt sich Lenz von Cornelia gestärkt. Damit dankt er der Todkranken für das, was sie ihm gewesen ist, und macht ihr die Voraussage, dass ihre Tochter einem noch größeren wird Muse sein können.

Es ist ein illusionsloses Gedicht: „buntes Tal der Lügen“. Der Wert wird verkannt. Und doch spricht es schon das Baby als als zukünftige Bürgerin und Gestalterin ihres Schicksals an. Und es fordert Cornelia auf, ihren eigenen Wert nicht zu unterschätzen, weil sie doch Muse für Lenz geworden ist, so wie ihre Tochter es einst für einen ganz Großen sein wird.

Diese Mischung von Illusionslosigkeit und Vertrauen in den eigenen Wert und in den des Gegenüber spricht mich bei diesem Gedicht an.

Advertisements

Meine frühe Kindheit hat

Auf sonniger Straße getollt;

Hat nur ein Steinchen, ein Blatt

Zum Glücklichsein gewollt.

 

Jahre verschwelgten. Ich suche matt

Jene sonnige Straße heut,

Wieder zu lernen, wie man am Blatt,

Wie man am Steinchen sich freut.

Joachim Ringelnatz
(1883-1934)

 

Eine allgemeine menschliche Erfahrung und doch von Hans Gustav Bötticher so viel tiefer durchlebt als von anderen.

Erstaunlich, wie Kinder selbst unter furchtbarsten Bedingungen in Lagern, auf der Flucht, wenn sie nicht gerade am Verzweifeln sind, immer wieder zum Spiel finden.

Dezember 2014
M D M D F S S
« Nov   Mrz »
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031