Friedrich Schiller: „Die Pest. Eine Fantasie“

Gräßlich preisen Gottes Kraft
Pestilenzen würgende Seuchen,
Die mit der grausen Brüderschaft
Durchs öde Tal der Grabnacht schleichen.

Bang ergreifts das klopfende Herz,
Gichtrisch zuckt die starre Sehne,
Gräßlich lacht der Wahnsinn in das Angstgestöhne,
In heulende Triller ergeußt sich der Schmerz.

Raserei wälzt tobend sich im Bette –
Gift’ger Nebel wallt um ausgestorbne Städte
Menschen – hager – hohl und bleich –
Wimmeln in das finstre Reich.
Brütend liegt der Tod auf dumpfen Lüften,
Häuft sich Schätze in gestopften Grüften
Pestilenz sein Jubelfest.
Leichenschweigen – Kirchhofstille
Wechseln mit dem Lustgebrülle,
Schröcklich preiset Gott die Pest.

Aktuell wirkt in Zeiten der Corona-Epidemie das Bedrohungsgefühl. Die Sprache wirkt altertümlich. Ein großer Abstand zeigt sich in der Sichtbarkeit der Krankheit in der Öffentlichkeit im Vergleich zur Quarantäne aller, die unter deutlichen Krankheitsverdacht stehen. Der heutige verwaltungsmäßige Umgang in der Krankheitsabwehr sticht ab von der hoch emotionalen Beschreibung der Krankheitsfolgen.  Und doch die Ähnlichkeit bei den „ausgestorbnen Städten“.