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Bertolt Brecht
Alles wandelt sich
Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.
Aber was geschehen ist, ist geschehen. Und das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten.

Was geschehen ist, ist geschehen. Das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten, aber
Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.

Ein dialektischer Text, der sich selbst infrage stellt? Dabei steht doch zweimal dasselbe da. Nur steht zwischen den beiden Aussagen, die wiederholt werden, ein aber. Und zwar jeweils vor der Aussage, die in der jeweiligen Strophe das letzte Wort hat.

Zum Vergleich ein Gedicht von

Hermann Hesse

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

„Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…“

und

„Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.“

Zweimal ganz ähnliche Aussagen. Nur wo Hesse ein „vielleicht“ setzt und daraus – – ziemlich fragwürdig – eine Gewissheit ableitet: „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…“ schreibt Brecht zweimal das Gleiche. Nur das Gewicht, das den Aussagen gegeben wird, verändert sich durch die Stellung der Aussagen im Gedicht.

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So komme, was da kommen mag!

Solang du lebest, ist es Tag.

Und geht es in die Welt hinaus,

Wo du mir bist, bin ich zu Haus.

Ich seh dein liebes Angesicht,

Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.

1

In der Gruft bei den alten Särgen

Steht nun ein neuer Sarg,

Darin vor meiner Liebe

Sich das süßeste Antlitz barg.

Den schwarzen Deckel der Truhe

Verhängen die Kränze ganz;

Ein Kranz von Myrtenreisern,

Ein weißer Syringenkranz.

Was noch vor wenig Tagen

Im Wald die Sonne beschien,

Das duftet nun hier unten:

Maililien und Buchengrün.

Geschlossen sind die Steine,

Nur oben ein Gitterlein;

Es liegt die geliebte Tote

Verlassen und allein.

Vielleicht im Mondenlichte,

Wenn die Welt zur Ruhe ging,

Summt noch um die weißen Blüten

Ein dunkler Schmetterling.

2

Mitunter weicht von meiner Brust,

Was sie bedrückt seit deinem Sterben;

Es drängt mich, wie in Jugendlust,

Noch einmal um das Glück zu werben.

Doch frag ich dann: Was ist das Glück?

So kann ich keine Antwort geben

Als die, daß du mir kämst zurück,

Um so wie einst mit mir zu leben.

Dann seh ich jenen Morgenschein,

Da wir dich hin zur Gruft getragen;

Und lautlos schlafen die Wünsche ein,

Und nicht mehr will ich das Glück erjagen.

3

Gleich jenem Luftgespenst der Wüste

Gaukelt vor mir

Der Unsterblichkeitsgedanke;

Und in den bleichen Nebel der Ferne

Täuscht er dein Bild.

Markverzehrender Hauch der Sehnsucht,

Betäubende Hoffnung befällt mich;

Aber ich raffe mich auf,

Dir nach, dir nach;

Jeder Tag, jeder Schritt ist zu dir.

Doch, unerbittliches Licht dringt ein;

Und vor mir dehnt es sich,

Öde, voll Entsetzen der Einsamkeit;

Dort in der Ferne ahn ich den Abgrund;

Darin das Nichts. –

Aber weiter und weiter

Schlepp ich mich fort;

Von Tag zu Tag,

Von Mond zu Mond,

Von Jahr zu Jahr;

Bis daß ich endlich,

Erschöpft an Leben und Hoffnung,

Werd hinstürzen am Weg

Und die alte ewige Nacht

Mich begräbt barmherzig,

Samt allen Träumen der Sehnsucht.

4

Weil ich ein Sänger bin, so frag ich nicht,

Warum die Welt so still nun meinem Ohr;

Die eine, die geliebte Stimme fehlt,

Für die nur alles andre war der Chor.

5

Und am Ende der Qual alles Strebens

Ruhig erwart ich, was sie beschert,

Jene dunkelste Stunde des Lebens;

Denn die Vernichtung ist auch was wert.

6

Der Geier Schmerz flog nun davon,

Die Stätte, wo er saß, ist leer;

Nur unten tief in meiner Brust

Regt sich noch etwas, dumpf und schwer.

Das ist die Sehnsucht, die mit Qual

Um deine holde Nähe wirbt,

Doch, eh sie noch das Herz erreicht,

Mutlos die Flügel senkt und stirbt.

Mich interessiert der Zusammenhang mit Goethes „Marienbader Elegie“.

In beiden Fällen ein Selbstzitat als (eine Art) Motto (bei Goethe Tasso„, bei Storm „Trost), in beiden Fällen ein traumatisches Erlebnis, in beiden Fällen durch Kunst gebändigt, doch in unterschiedlicher Weise. 

Goethe:Sie trennen mich – und richten mich zugrunde.“  Bei Storm „Mutlos die Flügel senkt und stirbt.“   stirbt die Sehnsucht, an ihre Stelle tritt das literarische Werk. Das Gedicht selbst ist – anders als das von Goethe – kein Meisterstück, aber die Meisterwerke auf dem Gebiet der Novellen folgten.

Bei „eh sie noch das Herz erreicht, […]  und stirbt.“ klingt bei uns Heutigen leicht Rilkes „und hört im Herzen auf zu sein“ aus dem „Panther“ an.

                              Elegie

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott, zu sagen, was ich leide.

Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen,
Von dieses Tages noch geschlossner Blüte?
Das Paradies, die Hölle steht dir offen;
Wie wankelsinnig regt sichs im Gemüte! –
Kein Zweifel mehr! Sie tritt ans Himmelstor,
Zu ihren Armen hebt sie dich empor.

So warst du denn im Paradies empfangen,
Als wärst du wert des ewig schönen Lebens;
Dir blieb kein Wunsch, kein Hoffen, kein Verlangen,
Hier war das Ziel des innigsten Bestrebens,
Und in dem Anschaun dieses einzig Schönen
Versiegte gleich der Quell sehnsüchtiger Tränen.

Wie regte nicht der Tag die raschen Flügel,
Schien die Minuten vor sich her zu treiben!
Der Abendkuß, ein treu verbindlich Siegel:
So wird es auch der nächsten Sonne bleiben.
Die Stunden glichen sich im sanften Wandern,
Wie Schwestern zwar, doch keine ganz den andern.

Der Kuß, der letzte, grausam süß, zerschneidend
Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen –
Nun eilt, nun stockt der Fuß, die Schwelle meidend,
Als trieb ein Cherub flammend ihn von hinnen;
Das Auge starrt auf düstrem Pfad verdrossen,
Es blickt zurück: die Pforte steht verschlossen.

Und nun verschlossen in sich selbst, als hätte
Dies Herz sich nie geöffnet, selige Stunden
Mit jedem Stern des Himmels um die Wette
An ihrer Seite leuchtend nicht empfunden;
Und Mißmut, Reue, Vorwurf, Sorgenschwere
Belastens nun in schwüler Atmosphäre.

Ist denn die Welt nicht übrig? Felsenwände,
Sind sie nicht mehr gekrönt von heiligen Schatten?
Die Ernte, reift sie nicht? Ein grün Gelände,
Zieht sichs nicht hin am Fluß durch Busch und Matten?
Und wölbt sich nicht das überweltlich Große,
Gestaltenreiche, bald Gestaltenlose?

Wie leicht und zierlich, klar und zart gewoben
Schwebt, seraphgleich, aus ernster Wolken Chor,
Als glich es ihr, am blauen Äther droben
Ein schlank Gebild aus lichtem Dunst empor;
So sahst du sie in frohem Tanze walten,
Die lieblichste der lieblichen Gestalten.

Doch nur Momente darfst dich unterwinden
Ein Luftgebild statt ihrer festzuhalten;
Ins Herz zurück! dort wirst du’s besser finden,
Dort regt sie sich in wechselnden Gestalten:
Zu Vielen bildet Eine sich hinüber,
So tausendfach, und immer, immer lieber.

Wie zum Empfang sie an den Pforten weilte
Und mich von dannauf stufenweis beglückte,
Selbst nach dem letzten Kuß mich noch ereilte,
Den letzesten mir auf die Lippen drückte:
So klar beweglich bleibt das Bild der Lieben
Mit Flammenschrift ins treue Herz geschrieben.

Ins Herz, das fest, wie zinnenhohe Mauer,
Sich ihr bewahrt und sie in sich bewahret,
Für sie sich freut an seiner eignen Dauer,
Nur weiß von sich, wenn sie sich offenbaret,
Sich freier fühlt in so geliebten Schranken
Und nur noch schlägt, für alles ihr zu danken.

War Fähigkeit zu lieben, war Bedürfen
Von Gegenliebe weggelöscht, verschwunden,
Ist Hoffnungslust zu freudigen Entwürfen,
Entschlüssen, rascher Tat sogleich gefunden!
Wenn Liebe je den Liebenden begeistet,
Ward es an mir aufs lieblichste geleistet;

Und zwar durch sie! – Wie lag ein dumpfes Bangen
Auf Geist und Körper, unwillkommner Schwere,
Von Schauerbildern rings der Blick umfangen
Im wüsten Raum beklommner Herzensleere;
Nun dämmert Hoffnung von bekannter Schwelle:
Sie selbst erscheint in milder Sonnenhelle.

Dem Frieden Gottes, welcher euch hienieden
Mehr als Vernunft beseliget – wir lesens –
Vergleich ich wohl der Liebe heitern Frieden
In Gegenwart des allgeliebten Wesens;
Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören
Den tiefsten Sinn: den Sinn, ihr zu gehören.

In unsers Busen Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißens: fromm sein! – Solcher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

Vor ihrem Blick wie vor der Sonne Walten,
Vor ihrem Atem wie vor Frühlingslüften,
Zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten,
Der Selbstsinn tief in winterlichen Grüften;
Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert,
Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.

Es ist, als wenn sie sagte: Stund um Stunde
Wird uns das Leben freundlich dargeboten
Das Gestrige ließ uns geringe Kunde,
Das Morgende – zu wissen ist verboten!
Und wenn ich je mich vor dem Abend scheute,
Die Sonne sank und sah noch, was mich freute.

Drum tu wie ich und schaue, froh verständig
Dem Augenblick ins Auge! Kein Verschieben!
Begegn ihm schnell, wohlwollend wie lebendig,
Im Handeln sei’s, zur Freude, sei’s dem Lieben!
Nur wo du bist, sei alles immer kindlich,
So bist du alles, bist unüberwindlich.«

Du hast gut reden, dacht ich: zum Geleite
Gab dir ein Gott die Gunst des Augenblickes,
Und jeder fühlt an deiner holden Seite
Sich Augenblicks den Günstling des Geschickes;
Mich schreckt der Wink, von dir mich zu entfernen –
Was hilft es mir, so hohe Weisheit lernen!

Nun bin ich fern! Der jetzigen Minute,
Was ziemt denn der? Ich wüßt es nicht zu sagen.
Sie bietet mir zum Schönen manches Gute;
Das lastet nur, ich muß mich ihm entschlagen
Mich treibt umher ein unbezwinglich Sehnen,
Da bleibt kein Rat als grenzenlose Tränen.

So quellt denn fort und fließet unaufhaltsam –
Doch nie geläng’s, die innre Glut zu dämpfen!
Schon rasts und reißt in meiner Brust gewaltsam –
Wo Tod und Leben grausend sich bekämpfen.
Wohl Kräuter gäbs, des Körpers Qual zu stillen;
Allein dem Geist fehlts am Entschluß und Willen,

Fehlts am Begriff: wie sollt er sie vermissen?
Er wiederholt ihr Bild zu tausend Malen.
Das zaudert bald, bald wird es weggerissen,
Undeutlich jetzt und jetzt im reinsten Strahlen.
Wie könnte dies geringstem Troste frommen,
Die Ebb und Flut, das Gehen wie das Kommen? *

Verlaßt mich hier, getreue Weggenossen,
Laßt mich allein am Fels, in Moor und Moos!
Nur immer zu! euch ist die Welt erschlossen,
Die Erde weit, der Himmel rein und groß;
Betrachtet, forscht, die Einzelheiten sammelt,
Naturgeheimnis werde nachgestammelt.

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich – und richten mich zugrunde.

(J. W v. Goethe: Trilogie der Leidenschaft: Marienbader Elegie)

„Der ich noch erst den Göttern Liebling war“.

Ist er’s nicht doch noch, sonst könnte er doch nicht „sagen, was ich leide“?

Leiden als Voraussetzung von Kunst. Kunst als Leidensbewältigung.

Nicht zufällig hat er das Gedicht mit „An Werther“ (Analyse) zu der „Trilogie der Leidenschaft“ (Interpretation) zusammengestellt.  Mit „Aussöhnung“ (Analyse) nach der Katastrophe.

Mich interessiert auch der Zusammenhang mit Storms „Tiefe Schatten“.

In beiden Fällen ein Selbstzitat als (eine Art) Motto (bei Goethe Tasso„, bei Storm „Trost), in beiden Fällen ein traumatisches Erlebnis, in beiden Fällen durch Kunst gebändigt, doch in unterschiedlicher Weise. 

Am Anfang, als die Welt begann,
Sah Jupiter den ersten Mann,
Wie einsam, wie voll Ernst er sann:
Von wem doch das, was ist, den Ursprung hätte;
Wie er, den Grund von jedem Ding
Zu finden, oft in Winkel ging,
Und immer mit sich selber redte.

Da sprach er zu der Götter Schaar,
Die um ihn her versammelt war:
Der Mensch vertieft sich ganz und gar,
Wenn ich im Denken ihn nicht unterbreche.
Ich wills. Er sprach: Es werd ein Weib,
Ein artig Ding zum Zeitvertreib,
Das mit dem Menschen scherz und spreche.

Schnell war es in des Manns Gestalt,
Doch zärtlicher und nicht so alt,
Mit schlauen Augen, welche bald
Aufs denkende Geschöpf im Winkel fielen;
Und schnell springts hin, und küßt den Mann,
Und spricht: Du Närrchen, sieh mich an!
Ich bin gemacht, mit dir zu spielen.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 – 1803) war deutscher Anakreonitiker, der das „Ferment der Jugendkultur“ „Sex (Küsse), Drogen (Wein) und Musik (anakreontische Lieder)“  (S.531) zum Zwecke der Aufklärung einsetzte. „Gleim erlaubte sich nicht nur Scherze mit Religion und Philosophie, er nahm zugleich der radikalen Aufklärung den Wind aus den Segeln. Was dort mit verbissener Miene traktiert wurde, verpuffte in seinen federleichten Versen. Anstatt sich polemisch gegen die radikale Aufklärung zu wenden und sie damit aufzubauen und wichtig zu nehmen, ließ er sie lächelnd ins Leere laufen.“  (S.530) (Steffen Martus: Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert„, November 2015)

Die offenkundige Ähnlichkeit mit Münchhausens „Birkenlegendchen“ lässt mich erstmalig den Bezug dieses „federleichten“ Gedichts auf die Anakreontik erkennen.

Wenn es bei Münchhausen heißt „Göttliche Hände im Spiele/ lockten ihr blonden das Haar,/ daß ihre Haut ihm gefiele, /seiden und schimmernd sie war.“, so ist sein Gott offenkundig bei der Schöpfung auf sinnlichen Genuss aus. Der Aufklärer Georg Friedrich Meier hatte in seinen „Gedancken von Scherzen“ (1744) noch Scherze über „wichtige Wahrheiten“ wie Philosophie und Religion verboten, um die radikale Aufklärung an der Zerstörung der durch Religion begründeten Moral zu hindern. Gleim und Münchhausen gehen darüber leicht hinweg, indem sie einen Schöpfer außerhalb der herrschenden Religion agieren lassen.

Meine frühe Kindheit hat

Auf sonniger Straße getollt;

Hat nur ein Steinchen, ein Blatt

Zum Glücklichsein gewollt.

 

Jahre verschwelgten. Ich suche matt

Jene sonnige Straße heut,

Wieder zu lernen, wie man am Blatt,

Wie man am Steinchen sich freut.

Joachim Ringelnatz
(1883-1934)

 

Eine allgemeine menschliche Erfahrung und doch von Hans Gustav Bötticher so viel tiefer durchlebt als von anderen.

Erstaunlich, wie Kinder selbst unter furchtbarsten Bedingungen in Lagern, auf der Flucht, wenn sie nicht gerade am Verzweifeln sind, immer wieder zum Spiel finden.

To my Sister

It is the first mild day of March:
Each minute sweeter than before,
The redbreast sings from the tall larch
That stands beside our door.

There is a blessing in the air,
Which seems a sense of joy to yield
To the bare trees, and mountains bare,
And grass in the green field.

My sister! (’tis a wish of mine)
Now that our morning meal is done,
make haste, your morning task resign;
Come forth and feel the sun.

Edward will come with you; and, pray,
Put on with speed your woodland dress;
And bring no books; for this one day
We’ll give to idleness.

No joyless forms shall regulate
Our living calendar:
We from to-day, my Friend, will date
The opening of the year.

Love, now a universal birth,
From earth to earth is stealing,
From earth to man, from man to earth:
– It is the hour of feeling.

One moment now may give us more
Than years of toiling reason:
Our minds shall drink at every pore
The spirit of the season.

Some silent laws our hearts will make,
Which they shall long obey:
We for the year to come may take
Our temper from to-day.

And from the blessed power that rolls
About, below, above,
We’ll frame the measure of our souls:
They shall be tuned to love.

Then come, my Sister! come, I pray,
With speed put on your woodland dress;
And bring no books: for this one day
We’ll give to idleness.

Für meine Schwester

Es ist der erste milde Tag im März,
ein jeder Blick nach draußen schöner als zuvor,
des Rotkehls Lied erfreut uns neu das Herz,
sein Singplatz unsre Lärche ist beim Gartentor.

Es ist ein Segen in der Frühlingsluft:
Den winterfahlen Bergen, Bäumen kahl
bald bringt er Farben, Freude, Blütenduft;
wie freudig leuchtet schon das Gras im Tal!

Heut’, Schwester, meinen Willen laß mich kriegen:
Nachdem beendet nun das Morgenmahl,
im Haus laß alle Arbeit stehn und liegen,
laß suchen uns der Sonne warmen Strahl!

Bestimmt auch Edward uns begleiten mag,
zieh an geschwind die Wanderschuhe,
und laß uns widmen diesen einen Tag
der Muße, so als wäre Sonntagsruhe!

Nicht starre Formen sollen uns regieren,
was lebt, lebt nicht allein nach dem Kalender:
Den Jahresanfang wolln wir neu datieren,
die Feier schreiben gleich auf die Agenda!

Die Liebe überall ist neu erwacht,
von Herz zu Herz sie sprang, kaum daß sie ward
den Menschen von der Erde dargebracht:
Wer’s heut’ nicht fühlt, ist innerlich erstarrt.

Ein Augenblick gibt jetzt gewiß uns mehr
als ein Jahr Grübeln, mühsames Studieren:
Laß jetzt die Seele gehn, dies mein Begehr,
umweht vom Geist der Jahreszeit, spazieren!

Die Herzen unbewußt sich heute formen,
was ihnen Richtschnur wird für lange Zeit:
Heut’ für das Jahr, das kommt, wir können borgen
den frohen Sinn, die Ausgeglichenheit.

Voll Segen eine Kraft um uns herum
durch Erd’ und Himmel strömend wirkt,
die Seele braucht ein solches Fluidum,
daß phantasie- und liebevoll sie wird.

Komm, Schwester, nicht nach Büchern frag,
zieh an geschwind die Wanderschuhe,
und laß uns widmen diesen einen Tag
der Muße, so als wäre Sonntagsruhe!

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heilges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigts wie wunderbares Singen
O du gnadenreiche Zeit!

Weihnachtabend

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
„Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:
„Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn Unterlass;
Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfasste mich die Angst im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein
Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

Zwei Weihnachtsgedichte. Das lyrische Ich geht durch die Gassen der Stadt. Es geht um Kinder, Spielzeug und die Hoffnungen, die Kinder damit verbinden. Der Sprecher kommt zu sich selbst erst, als er allein ist.

Doch welcher Unterschied!

Einmal der Dank für die gnadenreiche Zeit, das andere Mal das schlechte Gewissen, dass eine Situation nicht genutzt wurde, wie sie genutzt werden sollte.

Ein Gedicht ist von Storm, das andere von Eichendorff.

Vom Berge was kommt dort um Mitternacht spät

Mit Fackeln so prächtig herunter?

Ob das wohl zum Tanze, zum Feste noch geht?

Mir klingen die Lieder so munter.

O nein!

So sage, was mag es wohl sein?

Das, was du da siehest, ist Totengeleit,

Und was du da hörest, sind Klagen.

Dem König, dem Zauberer, gilt es zu Leid,

Sie bringen ihn wieder getragen.

O weh!

So sind es die Geister vom See!

Sie schweben herunter ins Mummelseetal –

Sie haben den See schon betreten –

Sie rühren und netzen den Fuß nicht einmal –

Sie schwirren in leisen Gebeten –

O schau,

Am Sarge die glänzende Frau!

Jetzt öffnet der See das grünspiegelnde Tor;

Gib acht, nun tauchen sie nieder!

Es schwankt eine lebende Treppe hervor,

Und – drunten schon summen die Lieder.

Hörst du?

Sie singen ihn unten zur Ruh.

Die Wasser, wie lieblich sie brennen und glühn!

Sie spielen in grünendem Feuer;

Es geisten die Nebel am Ufer dahin,

Zum Meere verzieht sich der Weiher –

Nur still!

Ob dort sich nichts rühren will?

Es zuckt in der Mitten – o Himmel! ach hilf!

Nun kommen sie wieder, sie kommen!

Es orgelt im Rohr und es klirret im Schilf;

Nur hurtig, die Flucht nur genommen!

Davon!

Sie wittern, sie haschen mich schon!

Es klingt nach einer Lokalsage. Den Titel kenne ich verbunden mit dem Namen des Verfassers. Da ordnete ich den Mummelsee dem Blautopf zu und die Geister den der schönen Lau und dem Hutzelmännchen. Alles gut schwäbisch, heimatverbunden. Und nun lerne ich es neu kennen bezogen auf eine Insel östlich von Neuseeland. Dort sei der Mummelsee. So etwas ahnte ich ja schon: Orplid.

Lenore fuhr um’s Morgenrot

Empor aus schweren Träumen:

»Bist untreu, Wilhelm, oder tot?

Wie lange willst du säumen?« –

Er war mit König Friedrichs Macht

Gezogen in die Prager Schlacht,

Und hatte nicht geschrieben:

Ob er gesund geblieben.

Der König und die Kaiserin,

Des langen Haders müde,

Erweichten ihren harten Sinn,

Und machten endlich Friede;

Und jedes Heer, mit Sing und Sang,

Mit Paukenschlag und Kling und Klang,

Geschmückt mit grünen Reisern,

Zog heim zu seinen Häusern.

Und überall all überall,

Auf Wegen und auf Stegen,

Zog Alt und Jung dem Jubelschall

Der Kommenden entgegen.

Gottlob! rief Kind und Gattin laut,

Willkommen! manche frohe Braut.

Ach! aber für Lenoren

War Gruß und Kuß verloren.

Sie frug den Zug wohl auf und ab,

Und frug nach allen Namen;

Doch keiner war, der Kundschaft gab,

Von allen, so da kamen.

Als nun das Heer vorüber war,

Zerraufte sie ihr Rabenhaar,

Und warf sich hin zur Erde,

Mit wütiger Geberde.

Die Mutter lief wohl hin zu ihr: –

»Ach, daß sich Gott erbarme!

Du trautes Kind, was ist mit dir?« –

Und schloß sie in die Arme. –

»O Mutter, Mutter! hin ist hin!

Nun fahre Welt und alles hin!

Bei Gott ist kein Erbarmen.

O weh, o weh mir Armen!« –

»Hilf Gott, hilf! Sieh uns gnädig an!

Kind, bet‘ ein Vaterunser!

Was Gott thut, das ist wohlgethan.

Gott, Gott erbarmt sich Unser!« –

»O Mutter, Mutter! Eitler Wahn!

Gott hat an mir nicht wohlgethan!

Was half, was half mein Beten?

Nun ist’s nicht mehr vonnöten.« –

»Hilf Gott, hilf! wer den Vater kennt,

Der weiß, er hilft den Kindern.

Das hochgelobte Sakrament

Wird deinen Jammer lindern.« –

»O Mutter, Mutter! was mich brennt,

Das lindert mir kein Sakrament!

Kein Sakrament mag Leben

Den Toten wiedergeben.« –

»Hör, Kind! wie, wenn der falsche Mann,

Im fernen Ungerlande,

Sich seines Glaubens abgethan,

Zum neuen Ehebande?

Laß fahren Kind, sein Herz dahin!

Er hat es nimmermehr Gewinn!

Wann Seel‘ und Leib sich trennen,

Wird ihn sein Meineid brennen.« –

»O Mutter, Mutter! Hin ist hin!

Verloren ist verloren!

Der Tod, der Tod ist mein Gewinn!

O wär‘ ich nie geboren!

Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!

Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!

Bei Gott ist kein Erbarmen.

O weh, o weh mir Armen!« –

»Hilf Gott, hilf! Geh nicht ins Gericht

Mit deinem armen Kinde!

Sie weiß nicht, was die Zunge spricht.

Behalt ihr nicht die Sünde!

Ach, Kind, vergiß dein irdisch Leid,

Und denk an Gott und Seligkeit!

So wird doch deiner Seelen

Der Bräutigam nicht fehlen.« –

»O Mutter! Was ist Seligkeit?

O Mutter! Was ist Hölle?

Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit,

Und ohne Wilhelm Hölle! –

Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!

Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!

Ohn‘ ihn mag ich auf Erden,

Mag dort nicht selig werden.« – – –

So wütete Verzweifelung

Ihr in Gehirn und Adern.

Sie fuhr mit Gottes Vorsehung

Vermessen fort zu hadern;

Zerschlug den Busen, und zerrang

Die Hand, bis Sonnenuntergang,

Bis auf am Himmelsbogen

Die goldnen Sterne zogen.

Und außen, horch! ging’s trap trap trap,

Als wie von Rosseshufen;

Und klirrend stieg ein Reiter ab,

An des Geländers Stufen;

Und horch! und horch! den Pfortenring

Ganz lose, leise, klinglingling!

Dann kamen durch die Pforte

Vernehmlich diese Worte:

»Holla, Holla! Thu auf mein Kind!

Schläfst, Liebchen, oder wachst du?

Wie bist noch gegen mich gesinnt?

Und weinest oder lachst du?« –

»Ach, Wilhelm, du? – – So spät bei Nacht? – –

Geweinet hab‘ ich und gewacht;

Ach, großes Leid erlitten!

Wo kommst du hergeritten?« –

»Wir satteln nur um Mitternacht.

Weit ritt ich her von Böhmen.

Ich habe spät mich aufgemacht,

Und will dich mit mir nehmen.« –

»Ach, Wilhelm, erst herein geschwind!

Den Hagedorn durchsaust der Wind,

Herein, in meinen Armen,

Herzliebster, zu erwarmen!« –

»Laß sausen durch den Hagedorn,

Laß sausen, Kind, laß sausen!

Der Rappe scharrt; es klirrt der Sporn.

Ich darf allhier nicht hausen.

Komm, schürze, spring‘ und schwinge dich

Auf meinen Rappen hinter mich!

Muß heut noch hundert Meilen

Mit dir in’s Brautbett‘ eilen.« –

»Ach! wolltest hundert Meilen noch

Mich heut in’s Brautbett‘ tragen?

Und horch! es brummt die Glocke noch,

Die elf schon angeschlagen.« –

»Sieh hin, sieh her! der Mond scheint hell.

Wir und die Toten reiten schnell.

Ich bringe dich, zur Wette,

Noch heut ins Hochzeitbette.« –

»Sag an, wo ist dein Kämmerlein?

Wo? Wie dein Hochzeitbettchen?« –

»Weit, weit von hier! – – Still, kühl und klein! – –

Sechs Bretter und zwei Brettchen!« –

»Hat’s Raum für mich?« – »für dich und mich!

Komm, schürze, spring‘ und schwinge dich!

Die Hochzeitgäste hoffen;

Die Kammer steht uns offen.« –

Schön Liebchen schürzte, sprang und schwang

Sich auf das Roß behende;

Wohl um den trauten Reiter schlang

Sie ihre Liljenhände;

Und hurre hurre, hop hop hop!

Ging’s fort in sausendem Galopp,

Daß Roß und Reiter schnoben,

Und Kies und Funken stoben.

Zur rechten und zur linken Hand,

Vorbei vor ihren Blicken,

Wie flogen Anger, Heid‘ und Land!

Wie donnerten die Brücken! –

»Graut Liebchen auch? – – Der Mond scheint hell!

Hurra! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?« –

»Ach nein! – – Doch laß die Toten!« –

Was klang dort für Gesang und Klang?

Was flatterten die Raben? – –

Horch Glockenklang! horch Totensang:

»Laßt uns den Leib begraben!«

Und näher zog ein Leichenzug,

Der Sarg und Totenbahre trug.

Das Lied war zu vergleichen

Dem Unkenruf in Teichen.

»Nach Mitternacht begrabt den Leib,

Mit Klang und Sang und Klage!

Jetzt führ‘ ich heim mein junges Weib.

Mit, mit zum Brautgelage!

Komm, Küster, hier! Komm mit dem Chor,

Und gurgle mir das Brautlied vor!

Komm, Pfaff‘, und sprich den Segen,

Eh wir zu Bett‘ uns legen!« –

Still Klang und Sang. – – Die Bahre schwand. – –

Gehorsam seinem Rufen,

Kam’s, hurre hurre! nachgerannt,

Hart hinter’s Rappen Hufen.

Und immer weiter, hop hop hop!

Ging’s fort in sausendem Galopp,

Daß Roß und Reiter schnoben,

Und Kies und Funken stoben.

Wie flogen rechts, wie flogen links,

Gebirge, Bäum‘ und Hecken!

Wie flogen links, und rechts, und links

Die Dörfer, Städt‘ und Flecken! –

»Graut Liebchen auch? – – Der Mond scheint hell!

Hurra! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?« –

»Ach! Laß sie ruhn, die Toten!« –

Sieh da! sieh da! Am Hochgericht

Tanzt‘ um des Rades Spindel

Halb sichtbarlich bei Mondenlicht,

Ein lustiges Gesindel. –

»Sasa! Gesindel hier! Komm hier!

Gesindel, komm und folge mir!

Tanz‘ uns den Hochzeitreigen,

Wann wir zu Bette steigen!« –

Und das Gesindel husch husch husch!

Kam hinten nachgeprasselt,

Wie Wirbelwind am Haselbusch

Durch dürre Blätter rasselt.

Und weiter, weiter, hop hop hop!

Ging’s fort in sausendem Galopp,

Daß Roß und Reiter schnoben,

Und Kies und Funken stoben.

Wie flog, was rund der Mond beschien,

Wie flog es in die Ferne!

Wie flogen oben über hin

Der Himmel und die Sterne! –

»Graut Liebchen auch? – – Der Mond scheint hell!

Hurra! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?« –

»O weh! Laß ruhn die Toten!« – – –

»Rapp‘! Rapp‘! Mich dünkt der Hahn schon ruft. – –

Bald wird der Sand verrinnen – –

Rapp‘! Rapp‘! Ich wittre Morgenluft – –

Rapp‘! Tummle dich von hinnen! –

Vollbracht, vollbracht ist unser Lauf!

Das Hochzeitbette thut sich auf!

Die Toten reiten schnelle!

Wir sind, wir sind zur Stelle.« – – –

Rasch auf ein eisern Gitterthor

Ging’s mit verhängtem Zügel.

Mit schwanker Gert‘ ein Schlag davor

Zersprengte Schloß und Riegel.

Die Flügel flogen klirrend auf,

Und über Gräber ging der Lauf.

Es blinkten Leichensteine

Rund um im Mondenscheine.

Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,

Huhu! ein gräßlich Wunder!

Des Reiters Koller, Stück für Stück,

Fiel ab, wie mürber Zunder.

Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,

Zum nackten Schädel ward sein Kopf;

Sein Körper zum Gerippe,

Mit Stundenglas und Hippe.

Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp‘,

Und sprühte Feuerfunken;

Und hui! war’s unter ihr hinab

Verschwunden und versunken.

Geheul! Geheul aus hoher Luft,

Gewinsel kam aus tiefer Gruft.

Lenorens Herz, mit Beben,

Rang zwischen Tod und Leben.

Nun tanzten wohl bei Mondenglanz,

Rund um herum im Kreise,

Die Geister einen Kettentanz,

Und heulten diese Weise:

»Geduld! Geduld! Wenn’s Herz auch bricht!

Mit Gott im Himmel hadre nicht!

Des Leibes bist du ledig;

Gott sei der Seele gnädig!«

                                                   Gottfried August Bürger (1773)

Eine der frühen deutschen Balladen, ein gekonntes Gedicht, doch ich muss zugeben, es findet hier seinen Platz vor allem deswegen, weil sein Verfasser, Gottfried August Bürger, meiner Meinung nach zu Unrecht weitgehend vergessen ist.

Schillers Polemik gegen seine Gedichte hat ihm bei den Literaten seiner Zeit geschadet, auch persönlich war er tief getroffen. Bekannt ist von seinen Werken vor allem seine Version der Lügengeschichten des Freiherrn von Münchhausen, des so genannten Lügenbarons.

Persönlich bleibt mir an dieser Ballade unvergessen, dass ich als Kind die Zeile „Lenore fuhr ums Morgenrot“ kannte, zusammen mit den lautmalenden Zeilen gegen Schluss, und mir unter Lenore eine geisterhafte Version von Helios mit dem Sonnenwagen vorgestellt habe, die wie dieser über den Himmel ihrerseits ums Morgenrot herum fuhr.

Wildgänse rauschen durch die Nacht

Mit schrillem Schrei nach Norden –

Unstäte Fahrt! Habt acht, habt acht!

Die Welt ist voller Morden.

Fahrt durch die nachtdurchwogte Welt,

Graureisige Geschwader!

Fahlhelle zuckt, und Schlachtruf gellt,

Weit wallt und wogt der Hader.

Rausch‘ zu, fahr‘ zu, du graues Heer!

Rauscht zu, fahrt zu nach Norden!

Fahrt ihr nach Süden übers Meer –

Was ist aus uns geworden!

Wir sind wie ihr ein graues Heer

Und fahr’n in Kaisers Namen,

Und fahr’n wir ohne Wiederkehr,

Rauscht uns im Herbst ein Amen!

Dies Gedicht von Walter Flex (1887) wurde im Ersten Weltkrieg im Vorfrühling 1915 in Frankreich geschrieben.

1917 schrieb Flex sein bekanntestes Werk „Wanderer zwischen beiden Welten“ an der Ostfront. Am 16.10.1917 ist er auf einem Erkundungsritt auf der livländischen Insel Ösel gefallen.

Das Gedicht wurde 1917 in dem Gedichtband „Im Felde zwischen Nacht und Tag“ veröffentlicht und fand im Wandervogel (besonders ab 1920) weite Verbreitung, weil der von Flex in seinem „Wanderer“ beschriebene Ernst Wurche als Ideal eines „Feldwandervogels“ (eines Wandervogels als Soldat) empfunden wurde. (vgl. dazu den Wikipedia-Artikel)

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