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Der Sommer hält den Atem an
bunte Tage rinnen durch das Netz der Zeit
ein Vogellaut noch dann und wann
bald duften Rosen nach Vergänglichkeit

Eine Weile noch flanieren
Sommer und Herbst Hand in Hand
summen ein Duett
bis im Pendelschlag schwingender Tage
ihre Melodie verweht

Ein Blatt goldbehaucht
löst sich in der Stille
kreiselt müde bevor es taumelnd
in den Schoß der Erde fällt
finale Töne im sterbenden Hain

Hinter der Hecke lauert der Winter
und durch das Geäst äugt der Mond
die Sichel fein geschliffen
nimm in den Arm deine Geige
und seufze dem Herbst ein Lied

Hab Geduld oh Herz sechs Monde noch
dann läuten Osterglocken den Frühling ein

Renate Heidler
(aus: „Wortgeflüster – Poesie mit allen Sinnen)

Mit diesem zeitgenössischen Gedicht wurde ich anlässlich einer Vorstellung von Herbstgedichten bekanntgemacht.

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Es lacht in dem steigenden jahr dir
Der duft aus dem garten noch leis.
Flicht in dem flatternden haar dir
Eppich und ehrenpreis.

Die wehende saat ist wie gold noch,
Vielleicht nicht so hoch mehr und reich,
Rosen begrüssen dich hold noch,
Ward auch ihr glanz etwas bleich.

Verschweigen wir was uns verwehrt ist,
Geloben wir glücklich zu sein,
Wenn auch nicht mehr uns beschert ist
Als noch ein rundgang zu zwein.

An sich ist Stefan George nicht mein Mann. Mir liegt nicht die Selbststilisierung, der aristokratische Habitus, die herrische Forderung. Doch kann ich nicht bestreiten, dass seine Typographie, sein hochgesetzter Punkt, der für das Komma steht (für mich ist er zu aufwändig zu realisieren, deshalb habe ich es im Gedicht beim Komma belassen), seine erlesenen Worte, sein Sinn für Sprachbilder und Klang seinen Gedichten nicht selten einen ästhetischen Reiz geben, der mich anspricht.
Im vorliegenden Gedicht ist es vor allem der reiche Reim, von „jahr dir“, „gold noch“ und „hold noch“, der das im Herbst Vergehende feiert, der mich anspricht.
Während andere Herbstgedichte nicht selten den Niedergang beschreiben (z.B. der „Klassiker“ „Die Blätter fallen, fallen wie von weit …“ von Rilke), wird hier vom steigenden Jahr gesprochen, als Eigentümlichkeit des Herbstes ein lachender Duft hervorgehoben. Das noch, das auf das Vergehen hindeutet, wird ausgesprochen positiv assoziiert mit Gold und hold.
Glück wird als eine Frage der Einstellung gesehen, und es kann aus der Gemeinsamkeit erwachsen, wenn die Partner sich darauf verständigen.
Nicht: „die Blätter fallen“, sondern das Jahr steigt. Es ist ein Aufstieg zur Höhe des Lebens, der Glück verheißt, wenn nicht mehr gefordert wird, als möglich ist.

So sehr ich Rilkes Herbstgedichte schätze und so viel Richtiges z.B. in dieser Interpretation* zusammengetragen wird: das Glück, das aus der Bescheidung wächst, ist so untypisch für Herbstgedichte und so untypisch für den herrischen George, dass ich mich immer wieder daran erfreue und mir diese Haltung zum Vorbild zu nehmen versuche.

Wie konventionell ist dagegen die Sicht eines anderen George-Gedichts, das beginnt:

„Nicht ist weise bis zur letzten frist
Zu geniessen wo vergängnis ist. “

* Eine Anmerkung zu der oben verlinkten Interpretation: Wenn ein identischer Reim  damit beschrieben würde, dass „lediglich das gleiche Wort ‚auf sich selbst‘ gereimt“ ist, so wäre das korrekt. Aber der reiche Reim zeichnet sich je gerade dadurch aus, dass mehr als üblich aufeinander reimt. Wie kann „gold noch“ und „hold noch“ mit „lediglich das gleiche Wort“ beschrieben werden?

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