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von Paul Heyse den Antisemiten gewidmet

In eine Stadt des alten Hellas kam

Einst ein verfemter Mann mit Weib und Kind,

Um schwere Blutschuld als ein Götterfeind

Verjagt von Haus und Herd.

Er siedelte

Sich schüchtern an und sorgte Tag und Nacht,

Dem Hunger wehrend mit geduld’gem Fleiß,

Und da die Not erfindrisch macht, gedieh

Ihm sein Gewerb.

Das sahn die Mächtigen

Der Stadt voll Neid und Haß und sprachen so:

Liegt nicht die Blutschuld über seinem Haupt

Noch ungesühnt, und der Verfemte doch

Wird hier geduldet? Wenn der Götter Zorn

Auf uns herabfährt, büßen wir für ihn.

Und doch – ein Gastrecht ward ihm eingeräumt;

Wer es verletzt, den straft Zeus Xenios.

So sandten sie nach Delphi Botschaft hin,

Zu forschen aus Orakelmund, wie sie

Mit ihm verfahren sollten. Da erscholl

An des Gesandten Ohr der Pythia Spruch:

Nimm alle Nester junger Vögel aus,

Die droben hangen rings am Tempelsims! –

Und jener, ob erschreckt und zögernd auch,

Gehorcht und tat’s. Da, wie er noch am Werk,

Erklang aus heitrer Luft ein Donnerschlag,

Und unterirdisch dröhnt‘ ein Echo nach.

Tag ward in Nacht verkehrt, als bräch‘ herein

Von Erd‘ und Himmel her Weltuntergang.

Entsetzt zur heil’gen Pythia flüchtete

Der Mann und klagte: War’s nicht dein Gebot,

Was nun der Über-, Unterird’schen Grimm

Zumal empört? Nun schütze mich! – Alsbald

Kam Antwort ihm aus gottgeweihtem Mund:

Dir zum Verderben tat ich meinen Spruch!

Wer fragt, ob er am Gastrecht freveln darf,

Ist gottlos, und gerechter Götterzorn

Fällt auf sein Haupt. –

So sprach ein Heidenmund

Vor zwei Jahrtausenden. Und ihr, die ihr

Euch rühmt der reinern, tiefern Gottesfurcht,

Wie redet ihr?

(Nach Herodot)

 

 

Wenn Fontane über Afghanistan schreibt und Paul Heyse über das Asylrecht, es klingt mir erstaunlich aktuell. Da macht es nichts, dass Paul Heyse bis auf Herodot zurückgriff. Offenbar ist auch der aktuell.

Freilich, die Sprache. Hier und heute schreiben wir weder Altgriechisch noch in so feierlich getragenen Rhythmen. Und dann noch Formulierungen wie „Einst ein verfemter Mann mit Weib und Kind“.

Heute freilich ist dies Gedicht nicht nur Antisemiten zu widmen.

Oder was gibt uns das Recht, „Wirtschaftsflüchtlingeauszusperren und sie verhungern und ertrinken zu lassen? (mehr dazu)

Übrigens war Paul Heyse der erste deutsche Schriftsteller, der für sein belletristisches Werk den Literaturnobelpreis bekam und zu Lebzeiten geradezu wie Goethe als Dichterfürst verehrt wurde. Mit Fontane, Storm und Keller war er befreundet. Die letzteren bemitleideten ihn schon damals, dass er Dichter von Beruf war und sich keine „Auszeit“ in einem bürgerlichen Beruf gönnen konnte, wie Goethe es – im Unterschied zu Schiller – als Minister (u.a. für Bergbau) erlebt hatte. Goethe hatte literarisch unproduktive Zeiten, schrieb seine Farbenlehre. Heyse war immer Dichter.

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Laß sie Dreadnoughts bauen und aber Dreadnoughts
und vom Luftschiffkreuzer das Heil erwarten!
Unerträglich würden auf Erden sonst die
Tage des Glückes.

Alles lebt in dulci jubilo, nirgends
haust die Pest, der Hunger, die Not, die Sorge.
Singend gehn die Völker zu Bett, und singend
gehn sie zum Frühstück.

Müssen Patrioten da nicht zu Werken
kriegerischer Gewalt zusammentreten
und dem kannibalischen Wohl der Völker
Schropfköpfe setzen?

Laß sie Dreadnoughts bauen und aber Dreadnoughts
und vom Luftschiffkreuzer das Heil erwarten!
Unerträglich würden auf Erden sonst die
Tage des Glückes.

Dieses Gedicht ist im Gegensatz zu den anderen Gedichten in Morgensterns Horatius travestitus keine Parodie eines realen Horaz-Gedichtes, sondern eine Erfindung Morgensterns, die er wie seine Horaz-Parodien im Horazschen Odenversmaß geschrieben hat.

Gert Fröbe hat für seine Rezitation dieses Gedichts von Christian Morgenstern eine noch weiter modernisierte Fassung geschrieben: „Laß sie Bomber bauen und Überbomber …“
Heute könnte das Gedicht – auf Libyen bezogen – beginnen: „Lass Raketen sie bauen, Marschflugkörper und Drohnen …“, auf Fukushima bezogen „Lass Kernkraftwerke sie bauen und schnelle Brüter …“
Mehr zur Interpretation dieses Gedichtes liefert die aktuelle Tagespresse.
So aktuell kann ein von Morgenstern in die Neuzeit eingeführter Horaz sein. (vgl. auch: Integer vitae)

Ist es nicht überflüssig zu sagen, dass schon Morgenstern durchaus nicht glaubte, dass seine folgenden Zeilen Realität beschrieben:

nirgends
haust die Pest, der Hunger, die Not, die Sorge.
Singend gehn die Völker zu Bett, und singend
gehn sie zum Frühstück.

(nachkorrigiert nach einer Ausgabe von 1911, Piper Verlag, 3. vermehrte Auflage)

Gert Fröbe als Morgensterns Hausschnecke im Gespräch mit sich selbst

Der Schnee leis‘ stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da!“ – „Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

Afghanistan! Er sprach es so matt;
Es umdrängt den Reiter die halbe Stadt,
Sir Robert Sale, der Kommandant,
Hebt ihn vom Rosse mit eigener Hand.

Sie führen ins steinerne Wachthaus ihn,
Sie setzen ihn nieder an den Kamin,
Wie wärmt ihn das Feuer, wie labt ihn das Licht,
Er atmet hoch auf und dankt und spricht:

„Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann,
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

Zersprengt ist unser ganzes Heer,
Was lebt, irrt draußen in Nacht umher,
Mir hat ein Gott die Rettung gegönnt,
Seht zu, ob den Rest ihr retten könnt.“

Sir Robert stieg auf den Festungswall,
Offiziere, Soldaten folgten ihm all‘,
Sir Robert sprach: „Der Schnee fällt dicht,
Die uns suchen, sie können uns finden nicht.

Sie irren wie Blinde und sind uns so nah,
So laßt sie’s hören, daß wir da,
Stimmt an ein Lied von Heimat und Haus,
Trompeter blast in die Nacht hinaus!“

Da huben sie an und sie wurden’s nicht müd‘,
Durch die Nacht hin klang es Lied um Lied,
Erst englische Lieder mit fröhlichem Klang,
Dann Hochlandslieder wie Klagegesang.

Sie bliesen die Nacht und über den Tag,
Laut, wie nur die Liebe rufen mag,
Sie bliesen – es kam die zweite Nacht,
Umsonst, daß ihr ruft, umsonst, daß ihr wacht.

„Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.“

Die Katastrophe der britischen Armee passierte 1841. In Dschellalabad (heute: Dschalalabad) gelang es der britischen Garnison, sich gegen eine Übermacht bis 1842 zu verteidigen.

Theodor Fontane schrieb sein Gedicht 1859.

Nach insgesamt drei britisch-afghanischen Kriegen wurde die afghanische Unabhängigkeit 1919 anerkannt.

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