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Was ist Gott? unbekannt, dennoch

Voll Eigenschaften ist das Angesicht

Des Himmels von ihm. Die Blitze nämlich

Der Zorn sind eines Gottes. Je mehr ist eins

Unsichtbar, schicket es sich in Fremdes. Aber der Donner

Der Ruhm ist Gottes. Die Liebe zur Unsterblichkeit

Das Eigentum auch, wie das unsere,

Ist eines Gottes.

Martin Walser sagt dazu: „Hölderlin war einerseits offenbar imstande, die Welt zu erleben, zu erfahren, als sei sie noch nicht beschrieben. So unmittelbar im Natürlichen kann der die Physiognomie eines Gottes erfahren.“ (Walser: Lieber schön als wahr, ZEIT 4/2003, 16.1.03)

Du meine Seele, du mein Herz,
Du meine Wonn‘, o du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel du, darein ich schwebe,
O du mein Grab, in das hinab
Ich ewig meinen Kummer gab!
Du bist die Ruh‘, du bist der Frieden,
Du bist der Himmel, mir beschieden.
Daß du mich liebst, macht mich mir werth,
Dein Blick hat mich vor mir verklärt,
Du hebst mich liebend über mich,
Mein guter Geist, mein bess’res Ich!

(Friedrich Rückert: Liebesfrühling, 2 III)

„Dass du mich liebst, macht mich mir wert“. Zweierlei steckt darin: Zum einen die allgemeine Aussage, dass Menschen von Beziehungen leben, dass nicht Erfolge und Leistungen, sondern gelungene oder misslungene Beziehungen (und der Versuch, sie gerade zu rücken oder auf Dauer zu bewahren) am Schluss des Lebens die entscheidende Rolle spielen. Zum anderen: „Dass du mich liebst.“ Die entscheidende Beziehung, die dem Leben Sinn gibt.

Schließlich spricht mich an den Versen an, dass Rückert, der große Formkünstler, hier so ganz Seele ist.

Und natürlich auch die Vertonung durch Schumann.

Willkommen kleine Bürgerin
Im bunten Tal der Lügen!
Du gehst dahin, du Lächlerin!
Dich ewig zu betrügen

Was weinest du? die Welt ist rund
Und nichts darauf beständig.
Das Weinen nur ist ungesund
Und der Verlust notwendig.

Einst wirst du, kleine Lächlerin!
Mit süßerm Schmerze weinen
Wenn alle deinen treuen Sinn
Gott! zu verkennen scheinen.

Dann wirst du stehn auf deinem Wert
Und blicken, wie die Sonne
Von der ein jeder weg sich kehrt
Zu blind für ihre Wonne.

Bis daß der Adler kommen wird
Aus fürchterlichen Büschen,
Der Welten ohne Trost durchirrt –
Wie wirst du ihn erfrischen!

Jakob Michael Reinhold Lenz, 1751-1792

Auf Cornelia Schlossers zweite Tochter Juliette

Dazu die Wikipedia:

„Auch verband sie ein inniges Verhältnis mit Jakob Michael Reinhold Lenz, der ihr und Schlosser vom Bruder „in Pflege gegeben“ worden war. So spricht Lenz in mehreren Dichtungen von Cornelia als seiner „Muse Urania“. Sie bestimmte ihn zum Paten ihrer zweiten Tochter, der er das Gedicht Willkommen kleine Bürgerin zur Geburt schrieb. […] Cornelia starb nur vier Wochen später im Alter von 26 Jahren.“

(Seite „Cornelia Schlosser“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Mai 2014, 19:32 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Cornelia_Schlosser&oldid=130526374 (Abgerufen: 15. Dezember 2014, 22:50 UTC))

Dich ewig zu betrügen

Er sieht für sie sein eigenes Schicksal voraus. Das wird noch deutlicher bei:

Wenn alle deinen treuen Sinn
Gott! zu verkennen scheinen.

Bis daß der Adler kommen wird
Aus fürchterlichen Büschen,
Der Welten ohne Trost durchirrt –

(Ist wohl eine Anspielung auf die Begegnung von Nausikaa und Odysseus)

Er wünscht ihr die Begegnung mit einem Großem, dem sie Muse und Stütze sein kann.

Einem Großen ist er begegnet (Goethe), aber der wollte von ihm nichts wissen. Doch dann kam ein anderer Großer (Büchner) und macht den so verkannten Lenz unsterblich, indem er ihn in sein Werk aufnimmt.

Ganz aktuell Wolfgang Rihms Oper „Jakob Lenz

Es versteht sich von selbst, dass Lenz das Neugeborene noch nicht wirklich kennen kann. Wenn er es also anspricht, so vor allem als Tochter Cornelias. Damit sagt er Cornelia, dass er die Welt, in der sie zwei Jahre nach der Geburt ihrer ersten Tochter noch bettlägerig war, als „Tal der Lügen“ ansieht und dass er glaubt, dass ihr „treuer Sinn“ verkannt wird. Doch dies Verkanntwerden sei ein süßer Schmerz, weil sie ja wisse, dass sie strahle wie die Sonne und dass alle blind seien, die sie nicht recht zu schätzen wissen.
Und jetzt wird die Voraussage über Juliettes Zukunft zu einer Selbstaussage von Lenz. So wie Juliette einst den „Adler“ erfrischen wird, so fühlt sich Lenz von Cornelia gestärkt. Damit dankt er der Todkranken für das, was sie ihm gewesen ist, und macht ihr die Voraussage, dass ihre Tochter einem noch größeren wird Muse sein können.

Es ist ein illusionsloses Gedicht: „buntes Tal der Lügen“. Der Wert wird verkannt. Und doch spricht es schon das Baby als als zukünftige Bürgerin und Gestalterin ihres Schicksals an. Und es fordert Cornelia auf, ihren eigenen Wert nicht zu unterschätzen, weil sie doch Muse für Lenz geworden ist, so wie ihre Tochter es einst für einen ganz Großen sein wird.

Diese Mischung von Illusionslosigkeit und Vertrauen in den eigenen Wert und in den des Gegenüber spricht mich bei diesem Gedicht an.

Zebramädchens Gedicht möchte ich hier verlinken, weil es mir kommentierenswert scheint, ich aber auf keinen Fall ein Copyright verletzen will.

Auch andere Gedichte sind Zeitkapseln. Sie konservieren Gefühle, an die man sich ohne das Gedicht so nicht besinnen könnte. Es ist ein besonderes Gefühl, jung zu sein und irgendwie die Welt offen vor sich liegen zu haben.

Gedichte aus der Nachkriegszeit blickten – zum Teil – auch in die Zukunft. Neben dem Kahlschlaggefühl („Alles kaputt!“) gab es auch ein Gefühl der Befreiung aus der Unterdrückung durch die Nazis. Auch damals galt – unausgesprochen – für viele Hölderlins Aufforderung „Komm, ins Offene! Freund!“ Aber das, woran man dachte, wenn man die Welt offen vor sich liegen sah, war doch etwas anderes.

So viel als meine erste Reaktion.

Gefallne Blüte
sie kehrt zurück zum Zweige:

als Schmetterling

(Arakida Moritake)

Oben sieht man die Blütenblätter noch fallen, unten erheben sie sich schon wieder.
Seliges Taumeln des Blütenblatts wie des Schmetterlings.
Ein typisch japanischer Tribut an die Vergänglichkeit. Nicht nur die Blüte, auch der Schmetterling ist sehr vergänglich.

Das Bild und die Poesie ginge völlig verloren, wollte man zynisch-realistisch schreiben:

Als Schmetterling
kehrt zum Zweig zurück
fette Raupe

Viele Drachen stehen in dem Winde,
Tanzend in der weiten Lüfte Reich.
Kinder stehn im Feld in dünnen Kleidern,
Sommersprossig und mit Stirnen bleich.

In dem Meer der goldnen Stoppeln segeln
Kleine Schiffe, weiß und leicht erbaut;
Und in Träumen seiner leichten Weite
Sinkt der Himmel wolkenüberblaut.

Weit gerückt in unbewegter Ruhe
Steht der Wald wie eine rote Stadt.
Und des Herbstes goldne Flaggen hängen
Von den höchsten Türmen schwer und matt.

Georg Heym
Wegen der Jahreszeit und weil die Rilkegedichte ja doch jeder kennt, ziehe ich dies Heym-Gedicht vor, bevor ich zu den fremdsprachigen komme. Natürlich prunkt es mit Farben und erinnert mich wie andere farbbetonte Herbstgedichte daran, dass ein Klassenkamerad in einem Aufsatz über den Herbst diesen „des Winters Hofnarren“ nannte, was ich mir immer mit dem farbigen Narrenkostüm erklärte.
Es ist auch viel Leichtigkeit im Gedicht. Doch das „mit Stirnen bleich“ bringt schon früh die Mattigkeit mit sich, mit der die letzte Zeile schließt. Ich assoziiere damit das Traklsche „dünn und zag“ aus „In den Nachmittag geflüstert“, ein Gedicht, das ja auch „Farben träumt“ und gleichzeitig auf Sterben hindeutet.
April 2017
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