So komme, was da kommen mag!

Solang du lebest, ist es Tag.

Und geht es in die Welt hinaus,

Wo du mir bist, bin ich zu Haus.

Ich seh dein liebes Angesicht,

Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.

1

In der Gruft bei den alten Särgen

Steht nun ein neuer Sarg,

Darin vor meiner Liebe

Sich das süßeste Antlitz barg.

Den schwarzen Deckel der Truhe

Verhängen die Kränze ganz;

Ein Kranz von Myrtenreisern,

Ein weißer Syringenkranz.

Was noch vor wenig Tagen

Im Wald die Sonne beschien,

Das duftet nun hier unten:

Maililien und Buchengrün.

Geschlossen sind die Steine,

Nur oben ein Gitterlein;

Es liegt die geliebte Tote

Verlassen und allein.

Vielleicht im Mondenlichte,

Wenn die Welt zur Ruhe ging,

Summt noch um die weißen Blüten

Ein dunkler Schmetterling.

2

Mitunter weicht von meiner Brust,

Was sie bedrückt seit deinem Sterben;

Es drängt mich, wie in Jugendlust,

Noch einmal um das Glück zu werben.

Doch frag ich dann: Was ist das Glück?

So kann ich keine Antwort geben

Als die, daß du mir kämst zurück,

Um so wie einst mit mir zu leben.

Dann seh ich jenen Morgenschein,

Da wir dich hin zur Gruft getragen;

Und lautlos schlafen die Wünsche ein,

Und nicht mehr will ich das Glück erjagen.

3

Gleich jenem Luftgespenst der Wüste

Gaukelt vor mir

Der Unsterblichkeitsgedanke;

Und in den bleichen Nebel der Ferne

Täuscht er dein Bild.

Markverzehrender Hauch der Sehnsucht,

Betäubende Hoffnung befällt mich;

Aber ich raffe mich auf,

Dir nach, dir nach;

Jeder Tag, jeder Schritt ist zu dir.

Doch, unerbittliches Licht dringt ein;

Und vor mir dehnt es sich,

Öde, voll Entsetzen der Einsamkeit;

Dort in der Ferne ahn ich den Abgrund;

Darin das Nichts. –

Aber weiter und weiter

Schlepp ich mich fort;

Von Tag zu Tag,

Von Mond zu Mond,

Von Jahr zu Jahr;

Bis daß ich endlich,

Erschöpft an Leben und Hoffnung,

Werd hinstürzen am Weg

Und die alte ewige Nacht

Mich begräbt barmherzig,

Samt allen Träumen der Sehnsucht.

4

Weil ich ein Sänger bin, so frag ich nicht,

Warum die Welt so still nun meinem Ohr;

Die eine, die geliebte Stimme fehlt,

Für die nur alles andre war der Chor.

5

Und am Ende der Qual alles Strebens

Ruhig erwart ich, was sie beschert,

Jene dunkelste Stunde des Lebens;

Denn die Vernichtung ist auch was wert.

6

Der Geier Schmerz flog nun davon,

Die Stätte, wo er saß, ist leer;

Nur unten tief in meiner Brust

Regt sich noch etwas, dumpf und schwer.

Das ist die Sehnsucht, die mit Qual

Um deine holde Nähe wirbt,

Doch, eh sie noch das Herz erreicht,

Mutlos die Flügel senkt und stirbt.

Mich interessiert der Zusammenhang mit Goethes „Marienbader Elegie“.

In beiden Fällen ein Selbstzitat als (eine Art) Motto (bei Goethe Tasso„, bei Storm „Trost), in beiden Fällen ein traumatisches Erlebnis, in beiden Fällen durch Kunst gebändigt, doch in unterschiedlicher Weise. 

Goethe:Sie trennen mich – und richten mich zugrunde.“  Bei Storm „Mutlos die Flügel senkt und stirbt.“   stirbt die Sehnsucht, an ihre Stelle tritt das literarische Werk. Das Gedicht selbst ist – anders als das von Goethe – kein Meisterstück, aber die Meisterwerke auf dem Gebiet der Novellen folgten.

Bei „eh sie noch das Herz erreicht, […]  und stirbt.“ klingt bei uns Heutigen leicht Rilkes „und hört im Herzen auf zu sein“ aus dem „Panther“ an.

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                              Elegie

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott, zu sagen, was ich leide.

Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen,
Von dieses Tages noch geschlossner Blüte?
Das Paradies, die Hölle steht dir offen;
Wie wankelsinnig regt sichs im Gemüte! –
Kein Zweifel mehr! Sie tritt ans Himmelstor,
Zu ihren Armen hebt sie dich empor.

So warst du denn im Paradies empfangen,
Als wärst du wert des ewig schönen Lebens;
Dir blieb kein Wunsch, kein Hoffen, kein Verlangen,
Hier war das Ziel des innigsten Bestrebens,
Und in dem Anschaun dieses einzig Schönen
Versiegte gleich der Quell sehnsüchtiger Tränen.

Wie regte nicht der Tag die raschen Flügel,
Schien die Minuten vor sich her zu treiben!
Der Abendkuß, ein treu verbindlich Siegel:
So wird es auch der nächsten Sonne bleiben.
Die Stunden glichen sich im sanften Wandern,
Wie Schwestern zwar, doch keine ganz den andern.

Der Kuß, der letzte, grausam süß, zerschneidend
Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen –
Nun eilt, nun stockt der Fuß, die Schwelle meidend,
Als trieb ein Cherub flammend ihn von hinnen;
Das Auge starrt auf düstrem Pfad verdrossen,
Es blickt zurück: die Pforte steht verschlossen.

Und nun verschlossen in sich selbst, als hätte
Dies Herz sich nie geöffnet, selige Stunden
Mit jedem Stern des Himmels um die Wette
An ihrer Seite leuchtend nicht empfunden;
Und Mißmut, Reue, Vorwurf, Sorgenschwere
Belastens nun in schwüler Atmosphäre.

Ist denn die Welt nicht übrig? Felsenwände,
Sind sie nicht mehr gekrönt von heiligen Schatten?
Die Ernte, reift sie nicht? Ein grün Gelände,
Zieht sichs nicht hin am Fluß durch Busch und Matten?
Und wölbt sich nicht das überweltlich Große,
Gestaltenreiche, bald Gestaltenlose?

Wie leicht und zierlich, klar und zart gewoben
Schwebt, seraphgleich, aus ernster Wolken Chor,
Als glich es ihr, am blauen Äther droben
Ein schlank Gebild aus lichtem Dunst empor;
So sahst du sie in frohem Tanze walten,
Die lieblichste der lieblichen Gestalten.

Doch nur Momente darfst dich unterwinden
Ein Luftgebild statt ihrer festzuhalten;
Ins Herz zurück! dort wirst du’s besser finden,
Dort regt sie sich in wechselnden Gestalten:
Zu Vielen bildet Eine sich hinüber,
So tausendfach, und immer, immer lieber.

Wie zum Empfang sie an den Pforten weilte
Und mich von dannauf stufenweis beglückte,
Selbst nach dem letzten Kuß mich noch ereilte,
Den letzesten mir auf die Lippen drückte:
So klar beweglich bleibt das Bild der Lieben
Mit Flammenschrift ins treue Herz geschrieben.

Ins Herz, das fest, wie zinnenhohe Mauer,
Sich ihr bewahrt und sie in sich bewahret,
Für sie sich freut an seiner eignen Dauer,
Nur weiß von sich, wenn sie sich offenbaret,
Sich freier fühlt in so geliebten Schranken
Und nur noch schlägt, für alles ihr zu danken.

War Fähigkeit zu lieben, war Bedürfen
Von Gegenliebe weggelöscht, verschwunden,
Ist Hoffnungslust zu freudigen Entwürfen,
Entschlüssen, rascher Tat sogleich gefunden!
Wenn Liebe je den Liebenden begeistet,
Ward es an mir aufs lieblichste geleistet;

Und zwar durch sie! – Wie lag ein dumpfes Bangen
Auf Geist und Körper, unwillkommner Schwere,
Von Schauerbildern rings der Blick umfangen
Im wüsten Raum beklommner Herzensleere;
Nun dämmert Hoffnung von bekannter Schwelle:
Sie selbst erscheint in milder Sonnenhelle.

Dem Frieden Gottes, welcher euch hienieden
Mehr als Vernunft beseliget – wir lesens –
Vergleich ich wohl der Liebe heitern Frieden
In Gegenwart des allgeliebten Wesens;
Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören
Den tiefsten Sinn: den Sinn, ihr zu gehören.

In unsers Busen Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißens: fromm sein! – Solcher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

Vor ihrem Blick wie vor der Sonne Walten,
Vor ihrem Atem wie vor Frühlingslüften,
Zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten,
Der Selbstsinn tief in winterlichen Grüften;
Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert,
Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.

Es ist, als wenn sie sagte: Stund um Stunde
Wird uns das Leben freundlich dargeboten
Das Gestrige ließ uns geringe Kunde,
Das Morgende – zu wissen ist verboten!
Und wenn ich je mich vor dem Abend scheute,
Die Sonne sank und sah noch, was mich freute.

Drum tu wie ich und schaue, froh verständig
Dem Augenblick ins Auge! Kein Verschieben!
Begegn ihm schnell, wohlwollend wie lebendig,
Im Handeln sei’s, zur Freude, sei’s dem Lieben!
Nur wo du bist, sei alles immer kindlich,
So bist du alles, bist unüberwindlich.«

Du hast gut reden, dacht ich: zum Geleite
Gab dir ein Gott die Gunst des Augenblickes,
Und jeder fühlt an deiner holden Seite
Sich Augenblicks den Günstling des Geschickes;
Mich schreckt der Wink, von dir mich zu entfernen –
Was hilft es mir, so hohe Weisheit lernen!

Nun bin ich fern! Der jetzigen Minute,
Was ziemt denn der? Ich wüßt es nicht zu sagen.
Sie bietet mir zum Schönen manches Gute;
Das lastet nur, ich muß mich ihm entschlagen
Mich treibt umher ein unbezwinglich Sehnen,
Da bleibt kein Rat als grenzenlose Tränen.

So quellt denn fort und fließet unaufhaltsam –
Doch nie geläng’s, die innre Glut zu dämpfen!
Schon rasts und reißt in meiner Brust gewaltsam –
Wo Tod und Leben grausend sich bekämpfen.
Wohl Kräuter gäbs, des Körpers Qual zu stillen;
Allein dem Geist fehlts am Entschluß und Willen,

Fehlts am Begriff: wie sollt er sie vermissen?
Er wiederholt ihr Bild zu tausend Malen.
Das zaudert bald, bald wird es weggerissen,
Undeutlich jetzt und jetzt im reinsten Strahlen.
Wie könnte dies geringstem Troste frommen,
Die Ebb und Flut, das Gehen wie das Kommen? *

Verlaßt mich hier, getreue Weggenossen,
Laßt mich allein am Fels, in Moor und Moos!
Nur immer zu! euch ist die Welt erschlossen,
Die Erde weit, der Himmel rein und groß;
Betrachtet, forscht, die Einzelheiten sammelt,
Naturgeheimnis werde nachgestammelt.

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich – und richten mich zugrunde.

(J. W v. Goethe: Trilogie der Leidenschaft: Marienbader Elegie)

„Der ich noch erst den Göttern Liebling war“.

Ist er’s nicht doch noch, sonst könnte er doch nicht „sagen, was ich leide“?

Leiden als Voraussetzung von Kunst. Kunst als Leidensbewältigung.

Nicht zufällig hat er das Gedicht mit „An Werther“ (Analyse) zu der „Trilogie der Leidenschaft“ (Interpretation) zusammengestellt.  Mit „Aussöhnung“ (Analyse) nach der Katastrophe.

Mich interessiert auch der Zusammenhang mit Storms „Tiefe Schatten“.

In beiden Fällen ein Selbstzitat als (eine Art) Motto (bei Goethe Tasso„, bei Storm „Trost), in beiden Fällen ein traumatisches Erlebnis, in beiden Fällen durch Kunst gebändigt, doch in unterschiedlicher Weise. 

Am Anfang, als die Welt begann,
Sah Jupiter den ersten Mann,
Wie einsam, wie voll Ernst er sann:
Von wem doch das, was ist, den Ursprung hätte;
Wie er, den Grund von jedem Ding
Zu finden, oft in Winkel ging,
Und immer mit sich selber redte.

Da sprach er zu der Götter Schaar,
Die um ihn her versammelt war:
Der Mensch vertieft sich ganz und gar,
Wenn ich im Denken ihn nicht unterbreche.
Ich wills. Er sprach: Es werd ein Weib,
Ein artig Ding zum Zeitvertreib,
Das mit dem Menschen scherz und spreche.

Schnell war es in des Manns Gestalt,
Doch zärtlicher und nicht so alt,
Mit schlauen Augen, welche bald
Aufs denkende Geschöpf im Winkel fielen;
Und schnell springts hin, und küßt den Mann,
Und spricht: Du Närrchen, sieh mich an!
Ich bin gemacht, mit dir zu spielen.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 – 1803) war deutscher Anakreonitiker, der das „Ferment der Jugendkultur“ „Sex (Küsse), Drogen (Wein) und Musik (anakreontische Lieder)“  (S.531) zum Zwecke der Aufklärung einsetzte. „Gleim erlaubte sich nicht nur Scherze mit Religion und Philosophie, er nahm zugleich der radikalen Aufklärung den Wind aus den Segeln. Was dort mit verbissener Miene traktiert wurde, verpuffte in seinen federleichten Versen. Anstatt sich polemisch gegen die radikale Aufklärung zu wenden und sie damit aufzubauen und wichtig zu nehmen, ließ er sie lächelnd ins Leere laufen.“  (S.530) (Steffen Martus: Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert„, November 2015)

Die offenkundige Ähnlichkeit mit Münchhausens „Birkenlegendchen“ lässt mich erstmalig den Bezug dieses „federleichten“ Gedichts auf die Anakreontik erkennen.

Wenn es bei Münchhausen heißt „Göttliche Hände im Spiele/ lockten ihr blonden das Haar,/ daß ihre Haut ihm gefiele, /seiden und schimmernd sie war.“, so ist sein Gott offenkundig bei der Schöpfung auf sinnlichen Genuss aus. Der Aufklärer Georg Friedrich Meier hatte in seinen „Gedancken von Scherzen“ (1744) noch Scherze über „wichtige Wahrheiten“ wie Philosophie und Religion verboten, um die radikale Aufklärung an der Zerstörung der durch Religion begründeten Moral zu hindern. Gleim und Münchhausen gehen darüber leicht hinweg, indem sie einen Schöpfer außerhalb der herrschenden Religion agieren lassen.

Du meine Seele, du mein Herz,
Du meine Wonn‘, o du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel du, darein ich schwebe,
O du mein Grab, in das hinab
Ich ewig meinen Kummer gab!
Du bist die Ruh‘, du bist der Frieden,
Du bist der Himmel, mir beschieden.
Daß du mich liebst, macht mich mir werth,
Dein Blick hat mich vor mir verklärt,
Du hebst mich liebend über mich,
Mein guter Geist, mein bess’res Ich!

(Friedrich Rückert: Liebesfrühling, 2 III)

„Dass du mich liebst, macht mich mir wert“. Zweierlei steckt darin: Zum einen die allgemeine Aussage, dass Menschen von Beziehungen leben, dass nicht Erfolge und Leistungen, sondern gelungene oder misslungene Beziehungen (und der Versuch, sie gerade zu rücken oder auf Dauer zu bewahren) am Schluss des Lebens die entscheidende Rolle spielen. Zum anderen: „Dass du mich liebst.“ Die entscheidende Beziehung, die dem Leben Sinn gibt.

Schließlich spricht mich an den Versen an, dass Rückert, der große Formkünstler, hier so ganz Seele ist.

Und natürlich auch die Vertonung durch Schumann.

Who Is Silvia?

Who is Silvia? what is she,
That all our swains commend her?
Holy, fair, and wise is she;
The heaven such grace did lend her,
That she might admirèd be.

Is she kind as she is fair?
For beauty lives with kindness.
Love doth to her eyes repair,
To help him of his blindness,
And, being helped, inhabits there.

Then to Silvia let us sing,
That Silvia is excelling;
She excels each mortal thing
Upon the dull earth dwelling:
To her let us garlands bring.

William Shakespeare (The Two Gentlemen of Verona)

Ich gestehe, dass ich das Gedicht ausgesucht habe, weil es mich verblüfft hat, dass Franz Schubert ein Shakespearegedicht vertont hat, das offenkundig nicht zu seinen von mir hoch geschätzten Sonetten gehören kann.

Hier zu hören von den King’s Singers.

Freilich, ursprünglich hat Schubert eine deutsche Übersetzung als Kompositionsgrundlage gehabt, die nicht sonderlich gelungene von Eduard von Bauernfeld:

An Sylvia

Was ist Silvia, saget an,
Daß sie die weite Flur preist?
Schön und zart seh ich sie nahn,
Auf Himmelsgunst und Spur weist,
Daß ihr alles untertan.

Ist sie schön und gut dazu?
Reiz labt wie milde Kindheit;
Ihrem Aug‘ eilt Amor zu,
Dort heilt er seine Blindheit
Und verweilt in süßer Ruh.

Darum Silvia, tön, o Sang,
Der holden Silvia Ehren;
Jeden Reiz besiegt sie lang,
Den Erde kann gewähren:
Kränze ihr und Saitenklang!

(Gesang von Jussi Björling)

Willkommen kleine Bürgerin
Im bunten Tal der Lügen!
Du gehst dahin, du Lächlerin!
Dich ewig zu betrügen

Was weinest du? die Welt ist rund
Und nichts darauf beständig.
Das Weinen nur ist ungesund
Und der Verlust notwendig.

Einst wirst du, kleine Lächlerin!
Mit süßerm Schmerze weinen
Wenn alle deinen treuen Sinn
Gott! zu verkennen scheinen.

Dann wirst du stehn auf deinem Wert
Und blicken, wie die Sonne
Von der ein jeder weg sich kehrt
Zu blind für ihre Wonne.

Bis daß der Adler kommen wird
Aus fürchterlichen Büschen,
Der Welten ohne Trost durchirrt –
Wie wirst du ihn erfrischen!

Jakob Michael Reinhold Lenz, 1751-1792

Auf Cornelia Schlossers zweite Tochter Juliette

Dazu die Wikipedia:

„Auch verband sie ein inniges Verhältnis mit Jakob Michael Reinhold Lenz, der ihr und Schlosser vom Bruder „in Pflege gegeben“ worden war. So spricht Lenz in mehreren Dichtungen von Cornelia als seiner „Muse Urania“. Sie bestimmte ihn zum Paten ihrer zweiten Tochter, der er das Gedicht Willkommen kleine Bürgerin zur Geburt schrieb. […] Cornelia starb nur vier Wochen später im Alter von 26 Jahren.“

(Seite „Cornelia Schlosser“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Mai 2014, 19:32 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Cornelia_Schlosser&oldid=130526374 (Abgerufen: 15. Dezember 2014, 22:50 UTC))

Dich ewig zu betrügen

Er sieht für sie sein eigenes Schicksal voraus. Das wird noch deutlicher bei:

Wenn alle deinen treuen Sinn
Gott! zu verkennen scheinen.

Bis daß der Adler kommen wird
Aus fürchterlichen Büschen,
Der Welten ohne Trost durchirrt –

(Ist wohl eine Anspielung auf die Begegnung von Nausikaa und Odysseus)

Er wünscht ihr die Begegnung mit einem Großem, dem sie Muse und Stütze sein kann.

Einem Großen ist er begegnet (Goethe), aber der wollte von ihm nichts wissen. Doch dann kam ein anderer Großer (Büchner) und macht den so verkannten Lenz unsterblich, indem er ihn in sein Werk aufnimmt.

Ganz aktuell Wolfgang Rihms Oper „Jakob Lenz

Es versteht sich von selbst, dass Lenz das Neugeborene noch nicht wirklich kennen kann. Wenn er es also anspricht, so vor allem als Tochter Cornelias. Damit sagt er Cornelia, dass er die Welt, in der sie zwei Jahre nach der Geburt ihrer ersten Tochter noch bettlägerig war, als „Tal der Lügen“ ansieht und dass er glaubt, dass ihr „treuer Sinn“ verkannt wird. Doch dies Verkanntwerden sei ein süßer Schmerz, weil sie ja wisse, dass sie strahle wie die Sonne und dass alle blind seien, die sie nicht recht zu schätzen wissen.
Und jetzt wird die Voraussage über Juliettes Zukunft zu einer Selbstaussage von Lenz. So wie Juliette einst den „Adler“ erfrischen wird, so fühlt sich Lenz von Cornelia gestärkt. Damit dankt er der Todkranken für das, was sie ihm gewesen ist, und macht ihr die Voraussage, dass ihre Tochter einem noch größeren wird Muse sein können.

Es ist ein illusionsloses Gedicht: „buntes Tal der Lügen“. Der Wert wird verkannt. Und doch spricht es schon das Baby als als zukünftige Bürgerin und Gestalterin ihres Schicksals an. Und es fordert Cornelia auf, ihren eigenen Wert nicht zu unterschätzen, weil sie doch Muse für Lenz geworden ist, so wie ihre Tochter es einst für einen ganz Großen sein wird.

Diese Mischung von Illusionslosigkeit und Vertrauen in den eigenen Wert und in den des Gegenüber spricht mich bei diesem Gedicht an.

Meine frühe Kindheit hat

Auf sonniger Straße getollt;

Hat nur ein Steinchen, ein Blatt

Zum Glücklichsein gewollt.

 

Jahre verschwelgten. Ich suche matt

Jene sonnige Straße heut,

Wieder zu lernen, wie man am Blatt,

Wie man am Steinchen sich freut.

Joachim Ringelnatz
(1883-1934)

 

Eine allgemeine menschliche Erfahrung und doch von Hans Gustav Bötticher so viel tiefer durchlebt als von anderen.

Erstaunlich, wie Kinder selbst unter furchtbarsten Bedingungen in Lagern, auf der Flucht, wenn sie nicht gerade am Verzweifeln sind, immer wieder zum Spiel finden.

To my Sister

It is the first mild day of March:
Each minute sweeter than before,
The redbreast sings from the tall larch
That stands beside our door.

There is a blessing in the air,
Which seems a sense of joy to yield
To the bare trees, and mountains bare,
And grass in the green field.

My sister! (’tis a wish of mine)
Now that our morning meal is done,
make haste, your morning task resign;
Come forth and feel the sun.

Edward will come with you; and, pray,
Put on with speed your woodland dress;
And bring no books; for this one day
We’ll give to idleness.

No joyless forms shall regulate
Our living calendar:
We from to-day, my Friend, will date
The opening of the year.

Love, now a universal birth,
From earth to earth is stealing,
From earth to man, from man to earth:
– It is the hour of feeling.

One moment now may give us more
Than years of toiling reason:
Our minds shall drink at every pore
The spirit of the season.

Some silent laws our hearts will make,
Which they shall long obey:
We for the year to come may take
Our temper from to-day.

And from the blessed power that rolls
About, below, above,
We’ll frame the measure of our souls:
They shall be tuned to love.

Then come, my Sister! come, I pray,
With speed put on your woodland dress;
And bring no books: for this one day
We’ll give to idleness.

Für meine Schwester

Es ist der erste milde Tag im März,
ein jeder Blick nach draußen schöner als zuvor,
des Rotkehls Lied erfreut uns neu das Herz,
sein Singplatz unsre Lärche ist beim Gartentor.

Es ist ein Segen in der Frühlingsluft:
Den winterfahlen Bergen, Bäumen kahl
bald bringt er Farben, Freude, Blütenduft;
wie freudig leuchtet schon das Gras im Tal!

Heut’, Schwester, meinen Willen laß mich kriegen:
Nachdem beendet nun das Morgenmahl,
im Haus laß alle Arbeit stehn und liegen,
laß suchen uns der Sonne warmen Strahl!

Bestimmt auch Edward uns begleiten mag,
zieh an geschwind die Wanderschuhe,
und laß uns widmen diesen einen Tag
der Muße, so als wäre Sonntagsruhe!

Nicht starre Formen sollen uns regieren,
was lebt, lebt nicht allein nach dem Kalender:
Den Jahresanfang wolln wir neu datieren,
die Feier schreiben gleich auf die Agenda!

Die Liebe überall ist neu erwacht,
von Herz zu Herz sie sprang, kaum daß sie ward
den Menschen von der Erde dargebracht:
Wer’s heut’ nicht fühlt, ist innerlich erstarrt.

Ein Augenblick gibt jetzt gewiß uns mehr
als ein Jahr Grübeln, mühsames Studieren:
Laß jetzt die Seele gehn, dies mein Begehr,
umweht vom Geist der Jahreszeit, spazieren!

Die Herzen unbewußt sich heute formen,
was ihnen Richtschnur wird für lange Zeit:
Heut’ für das Jahr, das kommt, wir können borgen
den frohen Sinn, die Ausgeglichenheit.

Voll Segen eine Kraft um uns herum
durch Erd’ und Himmel strömend wirkt,
die Seele braucht ein solches Fluidum,
daß phantasie- und liebevoll sie wird.

Komm, Schwester, nicht nach Büchern frag,
zieh an geschwind die Wanderschuhe,
und laß uns widmen diesen einen Tag
der Muße, so als wäre Sonntagsruhe!

SONNET 73

That time of year thou may’st in me behold
When yellow leaves, or none, or few, do hang
Upon those boughs which shake against the cold,
Bare ruin’d choirs, where late the sweet birds sang.
In me thou see’st the twilight of such day,
As after sunset fadeth in the west,
Which by-and-by black night doth take away,
Death’s second self, that seals up all in rest.
In me thou see’st the glowing of such fire
That on the ashes of his youth doth lie,
As the death-bed whereon it must expire
Consum’d with that which it was nourish’d by.
This thou perceivest, which makes thy love more strong,
To love that well which thou must leave ere long.

Kongenial übersetzt von Michael Mertes. Ich gebe zu, dass ich die Übersetzung zuerst kennen und lieben lernte: Die herbstlichen Farben, die Ähnlichkeit der eigenen Lebenssituation mit dem Herbst von Ende Oktober / Anfang November, die menschliche Haltung.
Natürlich findet sich das im Barock tausendfach; aber so wenig artifiziell mit so großem Kunstverstand gesagt, berührt es mich sehr.

Begründung: Einfach, weil es Sommer ist

Wie freu`ich mich der Sommerwonne!

Wie freu`ich mich der Sommerwonne,

Des frischen Grüns in Feld und Wald,

Wenn`s lebt und webt im Glanz der Sonne

Und wenn`s von allen Zweigen schallt!

Ich möchte jedes Blümchen fragen:

Hast du nicht einen Gruß für mich?

Ich möchte jedem Vogel sagen:

Sing, Vöglein, sing und freue dich!

Die Welt ist mein, ich fühl es wieder:

Wer wollte sich nicht ihrer freu`n,

Wenn er durch frohe Frühlingslieder

Sich seine Jugend kann erneu`n?

Kein Sehnen zieht mich in die Ferne,

Kein Hoffen lohnet mich mit Schmerz;

Da wo ich bin, da bin ich gerne,

Denn meine Heimat ist mein Herz.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874)

 

Feldeinsamkeit
Ich ruhe still im hohen, grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben,
Von Grillen rings umschwirrt ohn’ Unterlaß,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.
Die schönen weißen Wolken ziehn dahin
Durch’s tiefe Blau, wie schöne stille Träume; –
Mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
Und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.

          Hermann Ludwig Allmers

Gesang (Brahms)

 

Sommer

 Am Abend schweigt die Klage 

Des Kuckucks im Wald.

Tiefer neigt sich das Korn,

Der rote Mohn.

 

Schwarzes Gewitter droht 

Über dem Hügel.

Das alte Lied der Grille

Erstirbt im Feld.

 

 Nimmer regt sich das Laub 

Der Kastanie.

Auf der Wendeltreppe

Rauscht dein Kleid.

 

 Stille leuchtet die Kerze 

Im dunklen Zimmer;

Eine silberne Hand   

Löschte sie aus;

 

Windstille, sternlose Nacht.

 

Georg Trakl

 

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