Am Anfang, als die Welt begann,
Sah Jupiter den ersten Mann,
Wie einsam, wie voll Ernst er sann:
Von wem doch das, was ist, den Ursprung hätte;
Wie er, den Grund von jedem Ding
Zu finden, oft in Winkel ging,
Und immer mit sich selber redte.

Da sprach er zu der Götter Schaar,
Die um ihn her versammelt war:
Der Mensch vertieft sich ganz und gar,
Wenn ich im Denken ihn nicht unterbreche.
Ich wills. Er sprach: Es werd ein Weib,
Ein artig Ding zum Zeitvertreib,
Das mit dem Menschen scherz und spreche.

Schnell war es in des Manns Gestalt,
Doch zärtlicher und nicht so alt,
Mit schlauen Augen, welche bald
Aufs denkende Geschöpf im Winkel fielen;
Und schnell springts hin, und küßt den Mann,
Und spricht: Du Närrchen, sieh mich an!
Ich bin gemacht, mit dir zu spielen.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 – 1803) war deutscher Anakreonitiker, der das „Ferment der Jugendkultur“ „Sex (Küsse), Drogen (Wein) und Musik (anakreontische Lieder)“  (S.531) zum Zwecke der Aufklärung einsetzte. „Gleim erlaubte sich nicht nur Scherze mit Religion und Philosophie, er nahm zugleich der radikalen Aufklärung den Wind aus den Segeln. Was dort mit verbissener Miene traktiert wurde, verpuffte in seinen federleichten Versen. Anstatt sich polemisch gegen die radikale Aufklärung zu wenden und sie damit aufzubauen und wichtig zu nehmen, ließ er sie lächelnd ins Leere laufen.“  (S.530) (Steffen Martus: Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert„, November 2015)

Die offenkundige Ähnlichkeit mit Münchhausens „Birkenlegendchen“ lässt mich erstmalig den Bezug dieses „federleichten“ Gedichts auf die Anakreontik erkennen.

Wenn es bei Münchhausen heißt „Göttliche Hände im Spiele/ lockten ihr blonden das Haar,/ daß ihre Haut ihm gefiele, /seiden und schimmernd sie war.“, so ist sein Gott offenkundig bei der Schöpfung auf sinnlichen Genuss aus. Der Aufklärer Georg Friedrich Meier hatte in seinen „Gedancken von Scherzen“ (1744) noch Scherze über „wichtige Wahrheiten“ wie Philosophie und Religion verboten, um die radikale Aufklärung an der Zerstörung der durch Religion begründeten Moral zu hindern. Gleim und Münchhausen gehen darüber leicht hinweg, indem sie einen Schöpfer außerhalb der herrschenden Religion agieren lassen.

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Du meine Seele, du mein Herz,
Du meine Wonn‘, o du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel du, darein ich schwebe,
O du mein Grab, in das hinab
Ich ewig meinen Kummer gab!
Du bist die Ruh‘, du bist der Frieden,
Du bist der Himmel, mir beschieden.
Daß du mich liebst, macht mich mir werth,
Dein Blick hat mich vor mir verklärt,
Du hebst mich liebend über mich,
Mein guter Geist, mein bess’res Ich!

(Friedrich Rückert: Liebesfrühling, 2 III)

„Dass du mich liebst, macht mich mir wert“. Zweierlei steckt darin: Zum einen die allgemeine Aussage, dass Menschen von Beziehungen leben, dass nicht Erfolge und Leistungen, sondern gelungene oder misslungene Beziehungen (und der Versuch, sie gerade zu rücken oder auf Dauer zu bewahren) am Schluss des Lebens die entscheidende Rolle spielen. Zum anderen: „Dass du mich liebst.“ Die entscheidende Beziehung, die dem Leben Sinn gibt.

Schließlich spricht mich an den Versen an, dass Rückert, der große Formkünstler, hier so ganz Seele ist.

Und natürlich auch die Vertonung durch Schumann.

Who Is Silvia?

Who is Silvia? what is she,
That all our swains commend her?
Holy, fair, and wise is she;
The heaven such grace did lend her,
That she might admirèd be.

Is she kind as she is fair?
For beauty lives with kindness.
Love doth to her eyes repair,
To help him of his blindness,
And, being helped, inhabits there.

Then to Silvia let us sing,
That Silvia is excelling;
She excels each mortal thing
Upon the dull earth dwelling:
To her let us garlands bring.

William Shakespeare (The Two Gentlemen of Verona)

Ich gestehe, dass ich das Gedicht ausgesucht habe, weil es mich verblüfft hat, dass Franz Schubert ein Shakespearegedicht vertont hat, das offenkundig nicht zu seinen von mir hoch geschätzten Sonetten gehören kann.

Hier zu hören von den King’s Singers.

Freilich, ursprünglich hat Schubert eine deutsche Übersetzung als Kompositionsgrundlage gehabt, die nicht sonderlich gelungene von Eduard von Bauernfeld:

An Sylvia

Was ist Silvia, saget an,
Daß sie die weite Flur preist?
Schön und zart seh ich sie nahn,
Auf Himmelsgunst und Spur weist,
Daß ihr alles untertan.

Ist sie schön und gut dazu?
Reiz labt wie milde Kindheit;
Ihrem Aug‘ eilt Amor zu,
Dort heilt er seine Blindheit
Und verweilt in süßer Ruh.

Darum Silvia, tön, o Sang,
Der holden Silvia Ehren;
Jeden Reiz besiegt sie lang,
Den Erde kann gewähren:
Kränze ihr und Saitenklang!

(Gesang von Jussi Björling)

Willkommen kleine Bürgerin
Im bunten Tal der Lügen!
Du gehst dahin, du Lächlerin!
Dich ewig zu betrügen

Was weinest du? die Welt ist rund
Und nichts darauf beständig.
Das Weinen nur ist ungesund
Und der Verlust notwendig.

Einst wirst du, kleine Lächlerin!
Mit süßerm Schmerze weinen
Wenn alle deinen treuen Sinn
Gott! zu verkennen scheinen.

Dann wirst du stehn auf deinem Wert
Und blicken, wie die Sonne
Von der ein jeder weg sich kehrt
Zu blind für ihre Wonne.

Bis daß der Adler kommen wird
Aus fürchterlichen Büschen,
Der Welten ohne Trost durchirrt –
Wie wirst du ihn erfrischen!

Jakob Michael Reinhold Lenz, 1751-1792

Auf Cornelia Schlossers zweite Tochter Juliette

Dazu die Wikipedia:

„Auch verband sie ein inniges Verhältnis mit Jakob Michael Reinhold Lenz, der ihr und Schlosser vom Bruder „in Pflege gegeben“ worden war. So spricht Lenz in mehreren Dichtungen von Cornelia als seiner „Muse Urania“. Sie bestimmte ihn zum Paten ihrer zweiten Tochter, der er das Gedicht Willkommen kleine Bürgerin zur Geburt schrieb. […] Cornelia starb nur vier Wochen später im Alter von 26 Jahren.“

(Seite „Cornelia Schlosser“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Mai 2014, 19:32 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Cornelia_Schlosser&oldid=130526374 (Abgerufen: 15. Dezember 2014, 22:50 UTC))

Dich ewig zu betrügen

Er sieht für sie sein eigenes Schicksal voraus. Das wird noch deutlicher bei:

Wenn alle deinen treuen Sinn
Gott! zu verkennen scheinen.

Bis daß der Adler kommen wird
Aus fürchterlichen Büschen,
Der Welten ohne Trost durchirrt –

(Ist wohl eine Anspielung auf die Begegnung von Nausikaa und Odysseus)

Er wünscht ihr die Begegnung mit einem Großem, dem sie Muse und Stütze sein kann.

Einem Großen ist er begegnet (Goethe), aber der wollte von ihm nichts wissen. Doch dann kam ein anderer Großer (Büchner) und macht den so verkannten Lenz unsterblich, indem er ihn in sein Werk aufnimmt.

Ganz aktuell Wolfgang Rihms Oper „Jakob Lenz

Es versteht sich von selbst, dass Lenz das Neugeborene noch nicht wirklich kennen kann. Wenn er es also anspricht, so vor allem als Tochter Cornelias. Damit sagt er Cornelia, dass er die Welt, in der sie zwei Jahre nach der Geburt ihrer ersten Tochter noch bettlägerig war, als „Tal der Lügen“ ansieht und dass er glaubt, dass ihr „treuer Sinn“ verkannt wird. Doch dies Verkanntwerden sei ein süßer Schmerz, weil sie ja wisse, dass sie strahle wie die Sonne und dass alle blind seien, die sie nicht recht zu schätzen wissen.
Und jetzt wird die Voraussage über Juliettes Zukunft zu einer Selbstaussage von Lenz. So wie Juliette einst den „Adler“ erfrischen wird, so fühlt sich Lenz von Cornelia gestärkt. Damit dankt er der Todkranken für das, was sie ihm gewesen ist, und macht ihr die Voraussage, dass ihre Tochter einem noch größeren wird Muse sein können.

Es ist ein illusionsloses Gedicht: „buntes Tal der Lügen“. Der Wert wird verkannt. Und doch spricht es schon das Baby als als zukünftige Bürgerin und Gestalterin ihres Schicksals an. Und es fordert Cornelia auf, ihren eigenen Wert nicht zu unterschätzen, weil sie doch Muse für Lenz geworden ist, so wie ihre Tochter es einst für einen ganz Großen sein wird.

Diese Mischung von Illusionslosigkeit und Vertrauen in den eigenen Wert und in den des Gegenüber spricht mich bei diesem Gedicht an.

Meine frühe Kindheit hat

Auf sonniger Straße getollt;

Hat nur ein Steinchen, ein Blatt

Zum Glücklichsein gewollt.

 

Jahre verschwelgten. Ich suche matt

Jene sonnige Straße heut,

Wieder zu lernen, wie man am Blatt,

Wie man am Steinchen sich freut.

Joachim Ringelnatz
(1883-1934)

 

Eine allgemeine menschliche Erfahrung und doch von Hans Gustav Bötticher so viel tiefer durchlebt als von anderen.

Erstaunlich, wie Kinder selbst unter furchtbarsten Bedingungen in Lagern, auf der Flucht, wenn sie nicht gerade am Verzweifeln sind, immer wieder zum Spiel finden.

To my Sister

It is the first mild day of March:
Each minute sweeter than before,
The redbreast sings from the tall larch
That stands beside our door.

There is a blessing in the air,
Which seems a sense of joy to yield
To the bare trees, and mountains bare,
And grass in the green field.

My sister! (’tis a wish of mine)
Now that our morning meal is done,
make haste, your morning task resign;
Come forth and feel the sun.

Edward will come with you; and, pray,
Put on with speed your woodland dress;
And bring no books; for this one day
We’ll give to idleness.

No joyless forms shall regulate
Our living calendar:
We from to-day, my Friend, will date
The opening of the year.

Love, now a universal birth,
From earth to earth is stealing,
From earth to man, from man to earth:
– It is the hour of feeling.

One moment now may give us more
Than years of toiling reason:
Our minds shall drink at every pore
The spirit of the season.

Some silent laws our hearts will make,
Which they shall long obey:
We for the year to come may take
Our temper from to-day.

And from the blessed power that rolls
About, below, above,
We’ll frame the measure of our souls:
They shall be tuned to love.

Then come, my Sister! come, I pray,
With speed put on your woodland dress;
And bring no books: for this one day
We’ll give to idleness.

Für meine Schwester

Es ist der erste milde Tag im März,
ein jeder Blick nach draußen schöner als zuvor,
des Rotkehls Lied erfreut uns neu das Herz,
sein Singplatz unsre Lärche ist beim Gartentor.

Es ist ein Segen in der Frühlingsluft:
Den winterfahlen Bergen, Bäumen kahl
bald bringt er Farben, Freude, Blütenduft;
wie freudig leuchtet schon das Gras im Tal!

Heut’, Schwester, meinen Willen laß mich kriegen:
Nachdem beendet nun das Morgenmahl,
im Haus laß alle Arbeit stehn und liegen,
laß suchen uns der Sonne warmen Strahl!

Bestimmt auch Edward uns begleiten mag,
zieh an geschwind die Wanderschuhe,
und laß uns widmen diesen einen Tag
der Muße, so als wäre Sonntagsruhe!

Nicht starre Formen sollen uns regieren,
was lebt, lebt nicht allein nach dem Kalender:
Den Jahresanfang wolln wir neu datieren,
die Feier schreiben gleich auf die Agenda!

Die Liebe überall ist neu erwacht,
von Herz zu Herz sie sprang, kaum daß sie ward
den Menschen von der Erde dargebracht:
Wer’s heut’ nicht fühlt, ist innerlich erstarrt.

Ein Augenblick gibt jetzt gewiß uns mehr
als ein Jahr Grübeln, mühsames Studieren:
Laß jetzt die Seele gehn, dies mein Begehr,
umweht vom Geist der Jahreszeit, spazieren!

Die Herzen unbewußt sich heute formen,
was ihnen Richtschnur wird für lange Zeit:
Heut’ für das Jahr, das kommt, wir können borgen
den frohen Sinn, die Ausgeglichenheit.

Voll Segen eine Kraft um uns herum
durch Erd’ und Himmel strömend wirkt,
die Seele braucht ein solches Fluidum,
daß phantasie- und liebevoll sie wird.

Komm, Schwester, nicht nach Büchern frag,
zieh an geschwind die Wanderschuhe,
und laß uns widmen diesen einen Tag
der Muße, so als wäre Sonntagsruhe!

SONNET 73

That time of year thou may’st in me behold
When yellow leaves, or none, or few, do hang
Upon those boughs which shake against the cold,
Bare ruin’d choirs, where late the sweet birds sang.
In me thou see’st the twilight of such day,
As after sunset fadeth in the west,
Which by-and-by black night doth take away,
Death’s second self, that seals up all in rest.
In me thou see’st the glowing of such fire
That on the ashes of his youth doth lie,
As the death-bed whereon it must expire
Consum’d with that which it was nourish’d by.
This thou perceivest, which makes thy love more strong,
To love that well which thou must leave ere long.

Kongenial übersetzt von Michael Mertes. Ich gebe zu, dass ich die Übersetzung zuerst kennen und lieben lernte: Die herbstlichen Farben, die Ähnlichkeit der eigenen Lebenssituation mit dem Herbst von Ende Oktober / Anfang November, die menschliche Haltung.
Natürlich findet sich das im Barock tausendfach; aber so wenig artifiziell mit so großem Kunstverstand gesagt, berührt es mich sehr.

Begründung: Einfach, weil es Sommer ist

Wie freu`ich mich der Sommerwonne!

Wie freu`ich mich der Sommerwonne,

Des frischen Grüns in Feld und Wald,

Wenn`s lebt und webt im Glanz der Sonne

Und wenn`s von allen Zweigen schallt!

Ich möchte jedes Blümchen fragen:

Hast du nicht einen Gruß für mich?

Ich möchte jedem Vogel sagen:

Sing, Vöglein, sing und freue dich!

Die Welt ist mein, ich fühl es wieder:

Wer wollte sich nicht ihrer freu`n,

Wenn er durch frohe Frühlingslieder

Sich seine Jugend kann erneu`n?

Kein Sehnen zieht mich in die Ferne,

Kein Hoffen lohnet mich mit Schmerz;

Da wo ich bin, da bin ich gerne,

Denn meine Heimat ist mein Herz.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874)

 

Feldeinsamkeit
Ich ruhe still im hohen, grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben,
Von Grillen rings umschwirrt ohn’ Unterlaß,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.
Die schönen weißen Wolken ziehn dahin
Durch’s tiefe Blau, wie schöne stille Träume; –
Mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
Und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.

          Hermann Ludwig Allmers

Gesang (Brahms)

 

Sommer

 Am Abend schweigt die Klage 

Des Kuckucks im Wald.

Tiefer neigt sich das Korn,

Der rote Mohn.

 

Schwarzes Gewitter droht 

Über dem Hügel.

Das alte Lied der Grille

Erstirbt im Feld.

 

 Nimmer regt sich das Laub 

Der Kastanie.

Auf der Wendeltreppe

Rauscht dein Kleid.

 

 Stille leuchtet die Kerze 

Im dunklen Zimmer;

Eine silberne Hand   

Löschte sie aus;

 

Windstille, sternlose Nacht.

 

Georg Trakl

 

 mehr Sommergedichte

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht Süss noch Sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiss nichts von Nachtschweiss noch Vapeurs,
Und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an,
Und lässt’s vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluss im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiss er sich nichts zu machen,
Hasst warmen Drang und warmen Klang
Und alle warme Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn’s Holz im Ofen knittert,
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich‘ und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das hasst er nicht,
Denn will er sich totlachen. –

Sein Schloss von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.

(Matthias Claudius,  1782)

Claudius ist vielen bekannt als Dichter eines der bekanntesten deutschen Volkslieder, das seine Schlichtheit hohem Kunstverstand und genialer Verwendung mancher Elemente von Paul Gerhardts „Nun ruhen alle Wälder“ verdankt, als Verfasser des Liedes: „Der Mond ist aufgegangen„.

Das Winterlied, dass mir vorzeitig einfiel, weil der energische Herbsteinbruch mich frieren ließ, wie es in der letzten Zeile des Gedichts beschrieben wird, ist von ganz anderer Art. Mit seiner  Personalisierung des Winters hat es den Charakter eines Kinderliedes und doch spricht es von Krankheiten, mit denen Kinder wenig vertraut sind, von Darmkoliken und Vapeurs (Frauenleiden, deren Ursache im 18. und 19. Jahrhundert in Blähungen gesehen wurden). Folgerichtig gehen Interpretationen für Kinder nicht darauf ein. Und ich selbst stelle fest, dass ich mir das Gedicht aus meiner Kindheit gemerkt habe, nur nicht die beiden Strophen, die von Krankheiten handeln. Da ist der kernfeste Mann, der sich über klirrende Kälte totlachen kann, doch eine sehr viel eindrucksvollere Gestalt, die Kindern richtig imponieren kann.

Weshalb schreibt Claudius, der doch so genau auf alle Valeurs achten konnte, so ein disparates Gedicht?

Ich glaube, weil es schnell gehen sollte. Da steht das Bild für Kinder; doch seine eigenen Assoziationen beim Winter unterdrückt der Verfasser nicht. Mir scheint auch das „hinterm Ofen“ ein wenig selbstironisch: Wenn man gut verbarrikadiert hinter dem Ofen sitzt, kann man die Stärken des Winters loben. Aber wehe, wenn einer einen hinter dem Ofen hervorlocken wollte.

Wer sieht’s anders?

Es lacht in dem steigenden jahr dir
Der duft aus dem garten noch leis.
Flicht in dem flatternden haar dir
Eppich und ehrenpreis.

Die wehende saat ist wie gold noch,
Vielleicht nicht so hoch mehr und reich,
Rosen begrüssen dich hold noch,
Ward auch ihr glanz etwas bleich.

Verschweigen wir was uns verwehrt ist,
Geloben wir glücklich zu sein,
Wenn auch nicht mehr uns beschert ist
Als noch ein rundgang zu zwein.

An sich ist Stefan George nicht mein Mann. Mir liegt nicht die Selbststilisierung, der aristokratische Habitus, die herrische Forderung. Doch kann ich nicht bestreiten, dass seine Typographie, sein hochgesetzter Punkt, der für das Komma steht (für mich ist er zu aufwändig zu realisieren, deshalb habe ich es im Gedicht beim Komma belassen), seine erlesenen Worte, sein Sinn für Sprachbilder und Klang seinen Gedichten nicht selten einen ästhetischen Reiz geben, der mich anspricht.
Im vorliegenden Gedicht ist es vor allem der reiche Reim, von „jahr dir“, „gold noch“ und „hold noch“, der das im Herbst Vergehende feiert, der mich anspricht.
Während andere Herbstgedichte nicht selten den Niedergang beschreiben (z.B. der „Klassiker“ „Die Blätter fallen, fallen wie von weit …“ von Rilke), wird hier vom steigenden Jahr gesprochen, als Eigentümlichkeit des Herbstes ein lachender Duft hervorgehoben. Das noch, das auf das Vergehen hindeutet, wird ausgesprochen positiv assoziiert mit Gold und hold.
Glück wird als eine Frage der Einstellung gesehen, und es kann aus der Gemeinsamkeit erwachsen, wenn die Partner sich darauf verständigen.
Nicht: „die Blätter fallen“, sondern das Jahr steigt. Es ist ein Aufstieg zur Höhe des Lebens, der Glück verheißt, wenn nicht mehr gefordert wird, als möglich ist.

So sehr ich Rilkes Herbstgedichte schätze und so viel Richtiges z.B. in dieser Interpretation* zusammengetragen wird: das Glück, das aus der Bescheidung wächst, ist so untypisch für Herbstgedichte und so untypisch für den herrischen George, dass ich mich immer wieder daran erfreue und mir diese Haltung zum Vorbild zu nehmen versuche.

Wie konventionell ist dagegen die Sicht eines anderen George-Gedichts, das beginnt:

„Nicht ist weise bis zur letzten frist
Zu geniessen wo vergängnis ist. “

* Eine Anmerkung zu der oben verlinkten Interpretation: Wenn ein identischer Reim  damit beschrieben würde, dass „lediglich das gleiche Wort ‚auf sich selbst‘ gereimt“ ist, so wäre das korrekt. Aber der reiche Reim zeichnet sich je gerade dadurch aus, dass mehr als üblich aufeinander reimt. Wie kann „gold noch“ und „hold noch“ mit „lediglich das gleiche Wort“ beschrieben werden?

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