Who Is Silvia?

Who is Silvia? what is she,
That all our swains commend her?
Holy, fair, and wise is she;
The heaven such grace did lend her,
That she might admirèd be.

Is she kind as she is fair?
For beauty lives with kindness.
Love doth to her eyes repair,
To help him of his blindness,
And, being helped, inhabits there.

Then to Silvia let us sing,
That Silvia is excelling;
She excels each mortal thing
Upon the dull earth dwelling:
To her let us garlands bring.

William Shakespeare (The Two Gentlemen of Verona)

Ich gestehe, dass ich das Gedicht ausgesucht habe, weil es mich verblüfft hat, dass Franz Schubert ein Shakespearegedicht vertont hat, das offenkundig nicht zu seinen von mir hoch geschätzten Sonetten gehören kann.

Hier zu hören von den King’s Singers.

Freilich, ursprünglich hat Schubert eine deutsche Übersetzung als Kompositionsgrundlage gehabt, die nicht sonderlich gelungene von Eduard von Bauernfeld:

An Sylvia

Was ist Silvia, saget an,
Daß sie die weite Flur preist?
Schön und zart seh ich sie nahn,
Auf Himmelsgunst und Spur weist,
Daß ihr alles untertan.

Ist sie schön und gut dazu?
Reiz labt wie milde Kindheit;
Ihrem Aug‘ eilt Amor zu,
Dort heilt er seine Blindheit
Und verweilt in süßer Ruh.

Darum Silvia, tön, o Sang,
Der holden Silvia Ehren;
Jeden Reiz besiegt sie lang,
Den Erde kann gewähren:
Kränze ihr und Saitenklang!

(Gesang von Jussi Björling)

Willkommen kleine Bürgerin
Im bunten Tal der Lügen!
Du gehst dahin, du Lächlerin!
Dich ewig zu betrügen

Was weinest du? die Welt ist rund
Und nichts darauf beständig.
Das Weinen nur ist ungesund
Und der Verlust notwendig.

Einst wirst du, kleine Lächlerin!
Mit süßerm Schmerze weinen
Wenn alle deinen treuen Sinn
Gott! zu verkennen scheinen.

Dann wirst du stehn auf deinem Wert
Und blicken, wie die Sonne
Von der ein jeder weg sich kehrt
Zu blind für ihre Wonne.

Bis daß der Adler kommen wird
Aus fürchterlichen Büschen,
Der Welten ohne Trost durchirrt –
Wie wirst du ihn erfrischen!

Jakob Michael Reinhold Lenz, 1751-1792

Auf Cornelia Schlossers zweite Tochter Juliette

Dazu die Wikipedia:

„Auch verband sie ein inniges Verhältnis mit Jakob Michael Reinhold Lenz, der ihr und Schlosser vom Bruder „in Pflege gegeben“ worden war. So spricht Lenz in mehreren Dichtungen von Cornelia als seiner „Muse Urania“. Sie bestimmte ihn zum Paten ihrer zweiten Tochter, der er das Gedicht Willkommen kleine Bürgerin zur Geburt schrieb. […] Cornelia starb nur vier Wochen später im Alter von 26 Jahren.“

(Seite „Cornelia Schlosser“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 18. Mai 2014, 19:32 UTC. URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Cornelia_Schlosser&oldid=130526374 (Abgerufen: 15. Dezember 2014, 22:50 UTC))

Dich ewig zu betrügen

Er sieht für sie sein eigenes Schicksal voraus. Das wird noch deutlicher bei:

Wenn alle deinen treuen Sinn
Gott! zu verkennen scheinen.

Bis daß der Adler kommen wird
Aus fürchterlichen Büschen,
Der Welten ohne Trost durchirrt –

(Ist wohl eine Anspielung auf die Begegnung von Nausikaa und Odysseus)

Er wünscht ihr die Begegnung mit einem Großem, dem sie Muse und Stütze sein kann.

Einem Großen ist er begegnet (Goethe), aber der wollte von ihm nichts wissen. Doch dann kam ein anderer Großer (Büchner) und macht den so verkannten Lenz unsterblich, indem er ihn in sein Werk aufnimmt.

Ganz aktuell Wolfgang Rihms Oper „Jakob Lenz

Es versteht sich von selbst, dass Lenz das Neugeborene noch nicht wirklich kennen kann. Wenn er es also anspricht, so vor allem als Tochter Cornelias. Damit sagt er Cornelia, dass er die Welt, in der sie zwei Jahre nach der Geburt ihrer ersten Tochter noch bettlägerig war, als „Tal der Lügen“ ansieht und dass er glaubt, dass ihr „treuer Sinn“ verkannt wird. Doch dies Verkanntwerden sei ein süßer Schmerz, weil sie ja wisse, dass sie strahle wie die Sonne und dass alle blind seien, die sie nicht recht zu schätzen wissen.
Und jetzt wird die Voraussage über Juliettes Zukunft zu einer Selbstaussage von Lenz. So wie Juliette einst den „Adler“ erfrischen wird, so fühlt sich Lenz von Cornelia gestärkt. Damit dankt er der Todkranken für das, was sie ihm gewesen ist, und macht ihr die Voraussage, dass ihre Tochter einem noch größeren wird Muse sein können.

Es ist ein illusionsloses Gedicht: „buntes Tal der Lügen“. Der Wert wird verkannt. Und doch spricht es schon das Baby als als zukünftige Bürgerin und Gestalterin ihres Schicksals an. Und es fordert Cornelia auf, ihren eigenen Wert nicht zu unterschätzen, weil sie doch Muse für Lenz geworden ist, so wie ihre Tochter es einst für einen ganz Großen sein wird.

Diese Mischung von Illusionslosigkeit und Vertrauen in den eigenen Wert und in den des Gegenüber spricht mich bei diesem Gedicht an.

Meine frühe Kindheit hat

Auf sonniger Straße getollt;

Hat nur ein Steinchen, ein Blatt

Zum Glücklichsein gewollt.

 

Jahre verschwelgten. Ich suche matt

Jene sonnige Straße heut,

Wieder zu lernen, wie man am Blatt,

Wie man am Steinchen sich freut.

Joachim Ringelnatz
(1883-1934)

 

Eine allgemeine menschliche Erfahrung und doch von Hans Gustav Bötticher so viel tiefer durchlebt als von anderen.

Erstaunlich, wie Kinder selbst unter furchtbarsten Bedingungen in Lagern, auf der Flucht, wenn sie nicht gerade am Verzweifeln sind, immer wieder zum Spiel finden.

To my Sister

It is the first mild day of March:
Each minute sweeter than before,
The redbreast sings from the tall larch
That stands beside our door.

There is a blessing in the air,
Which seems a sense of joy to yield
To the bare trees, and mountains bare,
And grass in the green field.

My sister! (’tis a wish of mine)
Now that our morning meal is done,
make haste, your morning task resign;
Come forth and feel the sun.

Edward will come with you; and, pray,
Put on with speed your woodland dress;
And bring no books; for this one day
We’ll give to idleness.

No joyless forms shall regulate
Our living calendar:
We from to-day, my Friend, will date
The opening of the year.

Love, now a universal birth,
From earth to earth is stealing,
From earth to man, from man to earth:
– It is the hour of feeling.

One moment now may give us more
Than years of toiling reason:
Our minds shall drink at every pore
The spirit of the season.

Some silent laws our hearts will make,
Which they shall long obey:
We for the year to come may take
Our temper from to-day.

And from the blessed power that rolls
About, below, above,
We’ll frame the measure of our souls:
They shall be tuned to love.

Then come, my Sister! come, I pray,
With speed put on your woodland dress;
And bring no books: for this one day
We’ll give to idleness.

Für meine Schwester

Es ist der erste milde Tag im März,
ein jeder Blick nach draußen schöner als zuvor,
des Rotkehls Lied erfreut uns neu das Herz,
sein Singplatz unsre Lärche ist beim Gartentor.

Es ist ein Segen in der Frühlingsluft:
Den winterfahlen Bergen, Bäumen kahl
bald bringt er Farben, Freude, Blütenduft;
wie freudig leuchtet schon das Gras im Tal!

Heut’, Schwester, meinen Willen laß mich kriegen:
Nachdem beendet nun das Morgenmahl,
im Haus laß alle Arbeit stehn und liegen,
laß suchen uns der Sonne warmen Strahl!

Bestimmt auch Edward uns begleiten mag,
zieh an geschwind die Wanderschuhe,
und laß uns widmen diesen einen Tag
der Muße, so als wäre Sonntagsruhe!

Nicht starre Formen sollen uns regieren,
was lebt, lebt nicht allein nach dem Kalender:
Den Jahresanfang wolln wir neu datieren,
die Feier schreiben gleich auf die Agenda!

Die Liebe überall ist neu erwacht,
von Herz zu Herz sie sprang, kaum daß sie ward
den Menschen von der Erde dargebracht:
Wer’s heut’ nicht fühlt, ist innerlich erstarrt.

Ein Augenblick gibt jetzt gewiß uns mehr
als ein Jahr Grübeln, mühsames Studieren:
Laß jetzt die Seele gehn, dies mein Begehr,
umweht vom Geist der Jahreszeit, spazieren!

Die Herzen unbewußt sich heute formen,
was ihnen Richtschnur wird für lange Zeit:
Heut’ für das Jahr, das kommt, wir können borgen
den frohen Sinn, die Ausgeglichenheit.

Voll Segen eine Kraft um uns herum
durch Erd’ und Himmel strömend wirkt,
die Seele braucht ein solches Fluidum,
daß phantasie- und liebevoll sie wird.

Komm, Schwester, nicht nach Büchern frag,
zieh an geschwind die Wanderschuhe,
und laß uns widmen diesen einen Tag
der Muße, so als wäre Sonntagsruhe!

SONNET 73

That time of year thou may’st in me behold
When yellow leaves, or none, or few, do hang
Upon those boughs which shake against the cold,
Bare ruin’d choirs, where late the sweet birds sang.
In me thou see’st the twilight of such day,
As after sunset fadeth in the west,
Which by-and-by black night doth take away,
Death’s second self, that seals up all in rest.
In me thou see’st the glowing of such fire
That on the ashes of his youth doth lie,
As the death-bed whereon it must expire
Consum’d with that which it was nourish’d by.
This thou perceivest, which makes thy love more strong,
To love that well which thou must leave ere long.

Kongenial übersetzt von Michael Mertes. Ich gebe zu, dass ich die Übersetzung zuerst kennen und lieben lernte: Die herbstlichen Farben, die Ähnlichkeit der eigenen Lebenssituation mit dem Herbst von Ende Oktober / Anfang November, die menschliche Haltung.
Natürlich findet sich das im Barock tausendfach; aber so wenig artifiziell mit so großem Kunstverstand gesagt, berührt es mich sehr.

Begründung: Einfach, weil es Sommer ist

Wie freu`ich mich der Sommerwonne!

Wie freu`ich mich der Sommerwonne,

Des frischen Grüns in Feld und Wald,

Wenn`s lebt und webt im Glanz der Sonne

Und wenn`s von allen Zweigen schallt!

Ich möchte jedes Blümchen fragen:

Hast du nicht einen Gruß für mich?

Ich möchte jedem Vogel sagen:

Sing, Vöglein, sing und freue dich!

Die Welt ist mein, ich fühl es wieder:

Wer wollte sich nicht ihrer freu`n,

Wenn er durch frohe Frühlingslieder

Sich seine Jugend kann erneu`n?

Kein Sehnen zieht mich in die Ferne,

Kein Hoffen lohnet mich mit Schmerz;

Da wo ich bin, da bin ich gerne,

Denn meine Heimat ist mein Herz.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798 – 1874)

 

Feldeinsamkeit
Ich ruhe still im hohen, grünen Gras
Und sende lange meinen Blick nach oben,
Von Grillen rings umschwirrt ohn’ Unterlaß,
Von Himmelsbläue wundersam umwoben.
Die schönen weißen Wolken ziehn dahin
Durch’s tiefe Blau, wie schöne stille Träume; –
Mir ist, als ob ich längst gestorben bin,
Und ziehe selig mit durch ew’ge Räume.

          Hermann Ludwig Allmers

Gesang (Brahms)

 

Sommer

 Am Abend schweigt die Klage 

Des Kuckucks im Wald.

Tiefer neigt sich das Korn,

Der rote Mohn.

 

Schwarzes Gewitter droht 

Über dem Hügel.

Das alte Lied der Grille

Erstirbt im Feld.

 

 Nimmer regt sich das Laub 

Der Kastanie.

Auf der Wendeltreppe

Rauscht dein Kleid.

 

 Stille leuchtet die Kerze 

Im dunklen Zimmer;

Eine silberne Hand   

Löschte sie aus;

 

Windstille, sternlose Nacht.

 

Georg Trakl

 

 mehr Sommergedichte

Der Winter ist ein rechter Mann,
Kernfest und auf die Dauer;
Sein Fleisch fühlt sich wie Eisen an,
Und scheut nicht Süss noch Sauer.

War je ein Mann gesund, ist er’s;
Er krankt und kränkelt nimmer,
Weiss nichts von Nachtschweiss noch Vapeurs,
Und schläft im kalten Zimmer.

Er zieht sein Hemd im Freien an,
Und lässt’s vorher nicht wärmen;
Und spottet über Fluss im Zahn
Und Kolik in Gedärmen.

Aus Blumen und aus Vogelsang
Weiss er sich nichts zu machen,
Hasst warmen Drang und warmen Klang
Und alle warme Sachen.

Doch wenn die Füchse bellen sehr,
Wenn’s Holz im Ofen knittert,
Und um den Ofen Knecht und Herr
Die Hände reibt und zittert;

Wenn Stein und Bein vor Frost zerbricht
Und Teich‘ und Seen krachen;
Das klingt ihm gut, das hasst er nicht,
Denn will er sich totlachen. –

Sein Schloss von Eis liegt ganz hinaus
Beim Nordpol an dem Strande;
Doch hat er auch ein Sommerhaus
Im lieben Schweizerlande.

Da ist er denn bald dort bald hier,
Gut Regiment zu führen.
Und wenn er durchzieht, stehen wir
Und sehn ihn an und frieren.

(Matthias Claudius,  1782)

Claudius ist vielen bekannt als Dichter eines der bekanntesten deutschen Volkslieder, das seine Schlichtheit hohem Kunstverstand und genialer Verwendung mancher Elemente von Paul Gerhardts „Nun ruhen alle Wälder“ verdankt, als Verfasser des Liedes: „Der Mond ist aufgegangen„.

Das Winterlied, dass mir vorzeitig einfiel, weil der energische Herbsteinbruch mich frieren ließ, wie es in der letzten Zeile des Gedichts beschrieben wird, ist von ganz anderer Art. Mit seiner  Personalisierung des Winters hat es den Charakter eines Kinderliedes und doch spricht es von Krankheiten, mit denen Kinder wenig vertraut sind, von Darmkoliken und Vapeurs (Frauenleiden, deren Ursache im 18. und 19. Jahrhundert in Blähungen gesehen wurden). Folgerichtig gehen Interpretationen für Kinder nicht darauf ein. Und ich selbst stelle fest, dass ich mir das Gedicht aus meiner Kindheit gemerkt habe, nur nicht die beiden Strophen, die von Krankheiten handeln. Da ist der kernfeste Mann, der sich über klirrende Kälte totlachen kann, doch eine sehr viel eindrucksvollere Gestalt, die Kindern richtig imponieren kann.

Weshalb schreibt Claudius, der doch so genau auf alle Valeurs achten konnte, so ein disparates Gedicht?

Ich glaube, weil es schnell gehen sollte. Da steht das Bild für Kinder; doch seine eigenen Assoziationen beim Winter unterdrückt der Verfasser nicht. Mir scheint auch das „hinterm Ofen“ ein wenig selbstironisch: Wenn man gut verbarrikadiert hinter dem Ofen sitzt, kann man die Stärken des Winters loben. Aber wehe, wenn einer einen hinter dem Ofen hervorlocken wollte.

Wer sieht’s anders?

Es lacht in dem steigenden jahr dir
Der duft aus dem garten noch leis.
Flicht in dem flatternden haar dir
Eppich und ehrenpreis.

Die wehende saat ist wie gold noch,
Vielleicht nicht so hoch mehr und reich,
Rosen begrüssen dich hold noch,
Ward auch ihr glanz etwas bleich.

Verschweigen wir was uns verwehrt ist,
Geloben wir glücklich zu sein,
Wenn auch nicht mehr uns beschert ist
Als noch ein rundgang zu zwein.

An sich ist Stefan George nicht mein Mann. Mir liegt nicht die Selbststilisierung, der aristokratische Habitus, die herrische Forderung. Doch kann ich nicht bestreiten, dass seine Typographie, sein hochgesetzter Punkt, der für das Komma steht (für mich ist er zu aufwändig zu realisieren, deshalb habe ich es im Gedicht beim Komma belassen), seine erlesenen Worte, sein Sinn für Sprachbilder und Klang seinen Gedichten nicht selten einen ästhetischen Reiz geben, der mich anspricht.
Im vorliegenden Gedicht ist es vor allem der reiche Reim, von „jahr dir“, „gold noch“ und „hold noch“, der das im Herbst Vergehende feiert, der mich anspricht.
Während andere Herbstgedichte nicht selten den Niedergang beschreiben (z.B. der „Klassiker“ „Die Blätter fallen, fallen wie von weit …“ von Rilke), wird hier vom steigenden Jahr gesprochen, als Eigentümlichkeit des Herbstes ein lachender Duft hervorgehoben. Das noch, das auf das Vergehen hindeutet, wird ausgesprochen positiv assoziiert mit Gold und hold.
Glück wird als eine Frage der Einstellung gesehen, und es kann aus der Gemeinsamkeit erwachsen, wenn die Partner sich darauf verständigen.
Nicht: „die Blätter fallen“, sondern das Jahr steigt. Es ist ein Aufstieg zur Höhe des Lebens, der Glück verheißt, wenn nicht mehr gefordert wird, als möglich ist.

So sehr ich Rilkes Herbstgedichte schätze und so viel Richtiges z.B. in dieser Interpretation* zusammengetragen wird: das Glück, das aus der Bescheidung wächst, ist so untypisch für Herbstgedichte und so untypisch für den herrischen George, dass ich mich immer wieder daran erfreue und mir diese Haltung zum Vorbild zu nehmen versuche.

Wie konventionell ist dagegen die Sicht eines anderen George-Gedichts, das beginnt:

„Nicht ist weise bis zur letzten frist
Zu geniessen wo vergängnis ist. “

* Eine Anmerkung zu der oben verlinkten Interpretation: Wenn ein identischer Reim  damit beschrieben würde, dass „lediglich das gleiche Wort ‚auf sich selbst‘ gereimt“ ist, so wäre das korrekt. Aber der reiche Reim zeichnet sich je gerade dadurch aus, dass mehr als üblich aufeinander reimt. Wie kann „gold noch“ und „hold noch“ mit „lediglich das gleiche Wort“ beschrieben werden?

Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.

Friedrich Hebbel  (1813-1863)

„Und dennoch fallen raschelnd fern und nah“

Warum fielen mir in der weißen, eigentümlich geräuschgedämpften weißen, sonnigen Winterlandschaft diese Worte ein, wo doch die kleinen Schnneehäufchen, die von den Zweigen fallen, es ganz geräuschlos tun?

Weil es auch heißt:
„denn heute löst sich von den Zweigen nur, was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.“

Und:

„O stört sie nicht, die Feier der Natur! “

Hebbel hat mit „raschelnd fallen“ den Vorgang wohl schlechter getroffen als später die Worte „Früchte an den Boden klopfen“.

Und das „fern und nah“ nimmt man von Früchten sicher nicht so wahr wie von den Schneehäufchen, die beinahe pausenlos mal hier, mal dort fallen.

Aber er hat Bilder gefunden für Natur mit ihrem eigentümlichen Reiz, der meist weniger effektvoll ist als unsere Kultur, den wir Normalmenschen aber in seiner Tiefe wohl meist erst über kulturelle Anregungen zu ahnen vermögen.

Solche stille Zurückhaltung berührt von seiten des Dichters, der vor großen Worten sonst nicht zurückschreckte:

„Im Namen dessen, der am Kreuz erblich.“

 

dazu:

Hans Müller vor der Nibelungengesellschaft:

„Im Gegensatz zum Nibelungenlied endet Hebbels Trilogie nicht mit dem Tod Kriemhilds. Er erfindet eine kurze Fortführung der Szene, die dadurch besonderes Gewicht erhält: Etzel, vom Herrschen in einem «Blutmeer» «angewidert», übergibt die Krone Dietrich von Bern.
Die letzten Worte der Trilogie gehören Dietrich von Bern, der die Krone annimmmt mit den Worten:«Im Namen dessen, der am Kreuz erblich.» (V,14 V.5456)“

Heidelberg

Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied,
Du, der Vaterlandsstädte
Ländlichschönste, so viel ich sah.

Wie der Vogel des Waldes über die Gipfel fliegt,
Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,
Leicht und kräftig die Brücke,
Die von Wagen und Menschen tönt.

Wie von Göttern gesandt, fesselt‘ ein Zauber einst
Auf die Brücke mich an, da ich vorüber ging
Und herein in die Berge
Mir die reizende Ferne schien

Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,
Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,
Liebend unterzugehen,
In die Fluten der Zeit sich wirft.

Quellen hattest du ihm, hattest dem Flüchtigen
Kühle Schatten geschenkt, und die Gestade sahn
All‘ ihm nach, und es bebte
Aus den Wellen ihr lieblich Bild.

Aber schwer in das Tal hing die gigantische,
Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund,
Von den Wettern zerrissen;
Doch die ewige Sonne goß

Ihr verjüngendes Licht über das alternde
Riesenbild, und umher grünte lebendiger
Efeu; freundliche Bilder
Rauschten über die Burg herab.

Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal,
an den Hügel gelehnt oder dem Ufer hold,
Deine fröhlichen Gassen
Unter duftenden Gärten ruhn.

Eine Burg hängt, eine Brücke tönt, die Ferne scheint in die Berge, Gassen sind dem Ufer hold.
Adjektive werden von ihren Substantiven getrennt.
Nichtssagende Adjektive wie reizend, freundlich, lieblich und „unds“ die Menge.
Verquere Wortstellung, immer wieder getrennte Zusammenhänge.
Und Bilder wie der Strom glänzt vorbei, das Bild bebt aus den Wellen.

Warum gilt dies Gedicht trotz aller Heidelbergromantik als das gelungenste über Heidelberg?

Kellers Strophe zeigt uns die Brücke doch so viel treffender als Hölderlins Bild vom Waldvogel:

Schöne Brücke, hast mich oft getragen,
Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen
Und mit Dir den Strom ich überschritt
Und mich dünkte, deine stolzen Bogen
Sind in kühnerm Schwunge mitgezogen
Und sie fühlten mein Freude mit.

Warum gräbt man die erste Strophe dieses kunstlosen Liedes in Stein und nicht Goethes

Hintenan, bebuscht und traulich,
Steigt der Felsen in die Höhe;
Und mit hohem Wald umzogen,
Und mit Ritterschloß gekrönet“

Ist es doch ein Schloss und keine Burg, wie es bei Hölderlin heißt. Und was soll das mit der hängenden Burg?

Lange lieb ich und dann beim Blick von der Brücke traurigfroh bereit, liebend unterzugehn. Es ist etwas anderes als Beschreibung und mehr als Lob.

Wie das – angeblich kunstlos – erreicht wird, ist genauer zu betrachten.
Es ist eine Ode mit asklepiadeischen Strophen. Das Versmaß fließt dahin, wird aber nicht nur durch die Innenzäsuren der ersten beiden Zeilen, sondern stärker noch durch das Aufeinanderfolgen von zwei Hebungen an Schluss und Anfang der beiden ersten und am Anfang der dritten Zeile bestimmt.

Auf die erste Strophe, die eine Art Einleitung darstellt, folgen zwei Bilder: zum einen Brücke mit Fluss, zum anderen das Schloss (hier Burg genannt). Das sind die beiden Elemente, die noch heute den berühmtesten Blick auf die Stadt prägen. Beide Bilder enthalten ein bewegtes Element: beim ersten ist es der Strom, der in die Ebene zieht. Beim zweiten sind es die Bilder, die über die Burg herab rauschen.
Die Abwärtsbewegung des zweiten Teils ist recht dramatisch gestaltet: Die Burg liegt nicht am Hang, sondern hängt „schwer in das Tal“, als ob sie abzustürzen drohte und die Stadt dadurch gefährdete. Zusätzlich wird durch die Voranstellung des „nieder bis auf den Grund“ in der folgenden Partizipialkonstruktion zunächst die Assoziation erweckt, die Burg hinge bis auf den Talgrund. (Der Hinweis „von den Wettern zerrissen“ bezieht sich übrigens auf den durch zwei Blitzeinschläge verursachten Brand von 1794, der letztlich der entscheidende Grund war, weshalb das Schloss Ruine blieb.)
Das „doch“ der nächsten Zeile leitet dann aber nicht nur ein freundlicheres Bild ein, sondern lenkt den Blick wieder neu nach oben, von wo aus dann das Licht gegossen werden kann, die Bilder rauschen, die Sträucher und Gassen den Hang herunter kommen.
Eine Spannung ergibt sich daraus, dass gerade die ewige (und somit uralte) Sonne das vergleichsweise neue Schloss verjüngt. Damit wird die verschönernde und belebende Rolle des Lichts noch stärker hervorgehoben, verstärkt durch das vorangestellte „lebendiger“. Während der Pflanzenbewuchs von Mauern an sich eher den Eindruck verstärkt, dass es sich um ein älteres Gebäude handelt, zumal wenn es Mauerreste sind, die überwachsen sind, nimmt Hölderlin den Bewuchs als Zeichen der Verjüngung.
Noch freundlicher wird das Bild dann durch die blühenden Sträucher in den duftenden Gärten.

März 2017
M D M D F S S
« Jan    
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031