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Gottfried Benn wusste, was schlimm ist:

Wenn man kein Englisch kann,
von einem guten englischen Kriminalroman zu hören,
der nicht ins Deutsche übersetzt ist.

[…]

Am schlimmsten:
nicht im Sommer sterben,
wenn alles hell ist
und die Erde für Spaten leicht.

Mancher hätte ja vielleicht gern noch ein paar Monate?

Diebstahl ist nicht schlimm.

Der soziologische Nenner,
der hinter Jahrtausenden schlief,
heißt: ein paar große Männer
und die litten tief.

Heißt: ein paar schweigende Stunden
in Sils-Maria-Wind,
Erfüllung ist schwer von Wunden,
wenn es Erfüllungen sind.

Heißt: ein paar sterbende Krieger
gequält und schattenblaß,
sie heute und morgen der Sieger -:
warum erschufst du das?

Heißt: Schlangen schlagen die Hauer
das Gift, den Biß, den Zahn,
die Ecce-homo-Schauer
dem Mann in Blut und Bahn –

heißt: so viel Trümmer winken:
die Rassen wollen Ruh,
lasse dich doch versinken
dem nie Endenden zu –

und heißt dann: schweigen und walten,
wissend, daß sie zerfällt,
dennoch die Schwerter halten
vor die Stunde der Welt.

In seinem Vortrag „Probleme der Lyrik“ sprach Gottfried Benn sich gegen den seraphischen Ton in Gedichten aus. Auch wenn man sein Pathos nicht seraphisch nennen wird: Der hohe Ton des Sehers und Weltweisen bestimmt nicht wenige seiner Gedichte. Und als ich sie kennengelernt habe, hat er mich immer wieder angesprochen, gerade in seiner Verbindung mit dem Parlando.
Im vorliegenden Gedicht ging mir das Pathos allerdings schon damals etwas zu weit. Nichts dagegen, dass schöpferisch sein und mehr Erkenntnis als andere zu haben, oft Leiden bedeutet. Wer wollte schon so unglücklich leben wie Kafka?
Aber müssen es unbedingt Schwerter sein? Freilich, vor dem Paradies steht der Cherub mit dem Flammenschwert und lässt uns nicht hinein. Wenn Benn in diesem Gedicht nur Männer zum Nenner der Weltgeschichte macht – war seine Geliebte Else Lasker-Schüler etwa nicht groß, hat sie nicht gelitten? – kann es kaum dem Reim zuschieben, freilich passt es zu Heinrich von Treitschkes „Männer machen die Geschichte.“ Nun hätte man freilich hoffen können, Benn sei da etwas weiter. Aber mit der politischen Korrektheit war es damals halt noch nicht weit her.

Doch müssen die großen Männer, die leiden, unbedingt Cherubim sein?
Wenn keine Seraphim, dann wenigstens Cherubim? Muss ein Autor, der auf seine Modernität so stolz ist, so stark auf halbwegs veraltete christliche Traditionen zurückgreifen?
Gleichviel: zur Hälfte konnte ich das Gedicht noch auswendig, als ich mich vor kurzem wieder darauf besann. Es muss mir imponiert haben.

(Wer Interpretationsversuche lesen will, findet hier etwas dazu.)

Durch so viel Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewusst,
es gibt nur eines: ertrage
– ob Sinn, ob Sucht, ob Sage –
dein fernbestimmtes: Du musst.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

(Gottfried Benn)

Es lässt sich hier viel kommentieren und interpretieren.

Dass es „mein“ Gedicht „meines“ Wahlschriftstellers wurde, den wir damals für das Abitur in Deutsch haben sollten, lag an der Verbindung von großem Ton – den Benn in seinem Vortrag „Probleme der Lyrik“ ja als ein „So geht es nicht mehr“ bezeichnet hat – mit Verhaltenheit und Resignation, die sich als heroische darstellt.


Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere
und
ob Sinn, ob Sucht, ob Sage diese großen Worte, die den großen Ton bringen, den Benn nicht nur in „Dennoch die Schwerter halten“ immer wieder gebraucht hat.

Schließlich das gezeichnete Ich. Es passt in Pubertät, Nachpubertät, ins Reifealter, ins Alter.

Aber nicht nur das Gedicht, sondern auch meine naseweise Anfrage an unseren Lehrer, als er uns Warum? als die typische Kinderfrage vorstellte, ist für mich mit diesem Gedicht verbunden. Natürlich ist Wozu? alles andere als eine Kinderfrage, und man kann sie geradezu als Beleg für das Ende der Kindheit ansehen, wenn Leistungsstreben (Zweck) an die Stelle von Selbstvergessenheit tritt. Erlebt habe ich die Frage als die typische Abwehrfrage gegen menschliche Herausforderungen. Aber Benn meint mit Kinderfrage ja auch nicht die Frage eines Kindes, sondern die eines Menschen, der noch nicht zum stolz-resignativen gezeichneten Ich hindurchgedrungen ist.

August 2017
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