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Bertolt Brecht
Alles wandelt sich
Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.
Aber was geschehen ist, ist geschehen. Und das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten.

Was geschehen ist, ist geschehen. Das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten, aber
Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.

Ein dialektischer Text, der sich selbst infrage stellt? Dabei steht doch zweimal dasselbe da. Nur steht zwischen den beiden Aussagen, die wiederholt werden, ein aber. Und zwar jeweils vor der Aussage, die in der jeweiligen Strophe das letzte Wort hat.

Zum Vergleich ein Gedicht von

Hermann Hesse

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

„Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…“

und

„Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.“

Zweimal ganz ähnliche Aussagen. Nur wo Hesse ein „vielleicht“ setzt und daraus – – ziemlich fragwürdig – eine Gewissheit ableitet: „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…“ schreibt Brecht zweimal das Gleiche. Nur das Gewicht, das den Aussagen gegeben wird, verändert sich durch die Stellung der Aussagen im Gedicht.

Legende von der Entstehung des Buches Taoteking

auf dem Weg des Laotse in die Emigration
Als er siebzig war und war gebrechlich
drängte es den Lehrer doch nach Ruh
denn die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich
und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu
und er gürtete den Schuh.
2
Und er packte ein, was er so brauchte:
Wenig. Doch es wurde dies und das.
So die Pfeife, die er abends immer rauchte
und das Büchlein, das er immer las.
Weißbrot nach dem Augenmaß.
3
Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es
Als er ins Gebirg den Weg einschlug.
Und sein Ochse freute sich des frischen Grases
kauend, während er den Alten trug.
Denn dem ging es schnell genug.
4
Doch am vierten Tag im Felsgesteine
hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt:
„Kostbarkeiten zu verzollen?“ – „Keine.“
Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.“
Und so war auch das erklärt.
5
Doch der Mann in einer heitren Regung
fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“
Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den harten Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.
6
Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöre
Trieb der Knabe nun den Ochsen an.
Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre
Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann
Und er schrie: „He du! Halt an!
7
Was ist das mit diesem Wasser, Alter?“
Hielt der Alte: „Intressiert es dich?“
Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter
Doch wer wen besiegt, das intressiert auch mich.
Wenn du’s weißt, dann sprich!
8
Schreib mir’s auf! Diktier es diesem Kinde!
So was nimmt man doch nicht mit sich fort.
Da gibt’s doch Papier bei uns und Tinte
und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort.
Nun, ist das ein Wort?“
9
Über seine Schulter sah der Alte
Auf den Mann: Flickjoppe, keine Schuh.
Und die Stirne eine einzige Falte.
Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu.
Und er murmelte: „Auch Du?“
10
Eine höfliche Bitte abzuschlagen
War der Alte, wie es schien, zu alt.
Denn er sagte laut: „Die etwas fragen,
Die verdienen Antwort.“ Sprach der Knabe: „Es wird auch schon kalt.“
„Gut, ein kleiner Aufenthalt.“
11
Und von seinem Ochsen stieg der Weise
Sieben Tage schrieben sie zu zweit.
Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise
Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit.)
Und dann war’s soweit.
12
Und dem Zöllner händigte der Knabe
Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein.
Und mit Dank für eine kleine Reisegabe
Bogen sie um jene Föhre ins Gestein.
Sagt jetzt: kann man höflicher sein?
13
Aber rühmen wir nicht nur den Weisen
Dessen Name auf dem Buche prangt!
Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen.
Darum sei der Zöllner auch bedankt:
Er hat sie ihm abverlangt.

Bertolt Brecht

Man kann dies Gedicht im großen Zusammenhang sehen als  Beispiel der Exilliteratur. „Du verstehst, das Harte unterliegt“ ist 1938 natürlich eine wichtige Aussage zu Hitler.

Mich interessiert daran aber mehr das Kleine:„die Güte war im Lande wieder einmal schwächlich“. Nicht die große Klage: „ich lebe in schlechten Zeiten“, sondern: mal so, mal so. Jetzt ist gerade Bosheit angesagt, und darauf gilt es zu reagieren.

„Und so war auch das erklärt.“  Das heißt: Keine Kostbarkeiten für Weltverbesserer. Steuerfreiheit für Daimler-Benz, damit er seine Milliarden nicht an den Staat, sondern an misslungene Übernahmen wie die von AEG und Chrysler verschwenden kann. Kein Geld für Bildung.

Es heißt aber auch: Ich, Brecht, definiere mich nicht darüber, dass ich Millionen als „peanuts“ bezeichnen kann. Ich verstehe mich unter dem Auftrag: „Die etwas fragen, Die verdienen Antwort.“

Möglichst umfassend informiert über dies Gedicht der Wikipediaartikel Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration.

Viel Material zu einer intensiven Analyse des Gedichts stellt norberto42 zusammen.

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