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Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Conrad Ferdiand Meyer, 1882

Das Gedicht ist ansprechend, gekonnt, ein Dinggedicht par excellence. Der aufsteigende Strahl steigt onomatopoetisch, aber auch bildhaft auf. Doch was das Besondere dieses Gedichtes ausmacht, wird erst richtig deutlich, wenn man seinen Werdegang über die Jahre betrachtet. Denn ein schönes Gedicht zum selben Gegenstand hatte Meyer schon 18 Jahre früher gedichtet:

Der Brunnen (1864)

In einem römischen Garten
Verborgen ist ein Bronne,
Behütet von, dem harten
Geleucht‘ der Mittagssonne,
Er steigt in schlankem Strahle
In dunkle Laubesnacht
Und sinkt in eine Schale
Und übergießt sie sacht.
Die Wasser steigen nieder
In zweiter Schale Mitte,
Und voll ist diese wieder.
Sie flutet in die dritte:
Ein Nehmen und ein Geben,
Und alle bleiben reich,
Und alle Fluten leben
Und ruhen doch zugleich.

Der schöne Brunnen (1870)

Der Springquell plätschert und ergießt
Sich in der Marmorschale Grund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Rund;
Und diese gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und alles strömt und alles ruht.

Gerade diese drei Fassungen geben Anlass über die Werkstatt des Dichters nachzudenken.

März 2017
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