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Wo ist die Hand so zart, daß ohne Irren
Sie sondern mag beschränkten Hirnes Wirren,
So fest, daß ohne Zittern sie den Stein
Mag schleudern auf ein arm verkümmert Sein?
Wer wagt es, eitlen Blutes Drang zu messen,
Zu wägen jedes Wort, das unvergessen
In junge Brust die zähen Wurzeln trieb,
Des Vorurteils geheimen Seelendieb?
Du Glücklicher, geboren und gehegt
Im lichten Raum, von frommer Hand gepflegt,
Leg hin die Waagschal‘, nimmer dir erlaubt!
Laß ruhn den Stein – er trifft dein eignes Haupt!

Dies Gedicht steht am Anfang der „Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff und ist mit seinem starken biblischen Bezug ein starkes Plädoyer für den Protagonisten, der in der Erzählung selbst sehr realistisch als nicht unbegabt, aber eitel und ziemlich gewissenlos dargestellt wird.
Mich hat es sehr beeindruckt, als ich es in der Pubertät kennenlernte, habe ich mich doch sehr mit dem angesprochenen „Glücklichen“ identifiziert und viel mehr Mitgefühl mit dem abstrakten Schuldigen gehabt, als ich es heute für Gewalttäter aufbringe – aus Furcht, selbst einer Gewalttat zum Opfer zu fallen, und nach Presseberichten über den Mord an einem Mann, der voller Zivilcourage nicht weggesehen hatte. (Jetzt wird neu der Fall des Nigerianers Emeka Okoronkwo berichtet, der mit dem Tod bezahlte, dass er zwei Frauen beistand.)

(Hier findet sich in einem pdf-Dokument ein textkritischer Kommentar des Gedichts und der gesamten Erzählung.)

März 2017
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