You are currently browsing the tag archive for the ‘Jugend’ tag.

Zebramädchens Gedicht möchte ich hier verlinken, weil es mir kommentierenswert scheint, ich aber auf keinen Fall ein Copyright verletzen will.

Auch andere Gedichte sind Zeitkapseln. Sie konservieren Gefühle, an die man sich ohne das Gedicht so nicht besinnen könnte. Es ist ein besonderes Gefühl, jung zu sein und irgendwie die Welt offen vor sich liegen zu haben.

Gedichte aus der Nachkriegszeit blickten – zum Teil – auch in die Zukunft. Neben dem Kahlschlaggefühl („Alles kaputt!“) gab es auch ein Gefühl der Befreiung aus der Unterdrückung durch die Nazis. Auch damals galt – unausgesprochen – für viele Hölderlins Aufforderung „Komm, ins Offene! Freund!“ Aber das, woran man dachte, wenn man die Welt offen vor sich liegen sah, war doch etwas anderes.

So viel als meine erste Reaktion.

Advertisements

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt
Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
Friedlichen Dorfe die Abendglocke.

Wohl kehren itzt die Schiffer zum Hafen auch,
In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts
Geschäft’ger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh‘ und Ruh‘
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich
Purpurne Wolken! und möge droben

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb‘ und Leid! –
Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht
Der Zauber; dunkel wirds und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich –

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.

Wenn man älter wird, sollte man bei allen – begründeten – Gefühlen des Verlusts bedenken, wie viele Leiden zur Jugend gehören, nicht nur die Leiden der jungen Werthers der in einen falschen Beruf, in eine unerträgliche Gesellschaft sich gefesselt sieht und die Frau, in der er – anders als Goethe – die einzig mögliche  Erfüllung seines Lebens erkannt zu haben glaubt, an einen anderen gefesselt.
Nein, auch der ungeheure Druck, der von dem „Werde, der du bist“ ausgeht: die Sorge, das, was man an Einzigartigem in sich fühlt, nie wirklich ausbilden zu können.

In diesem Gedicht klagt er: „warum schläft denn / Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?“

Das „göttlich Recht“ der Selbstverwirklichung mahnt er in einem anderen Gedicht an und hofft, dass statt ewiger Unruhe im Totenreich es ihm doch zuteil werde:

Doch ist mir einst das Heilige, das am
Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,

Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt !
Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
Mich nicht hinab geleitet; Einmal
Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.

Im vorliegenden Gedicht erhofft er sich das Ende der Ruhelosigkeit schon im Alter:
„Friedlich und heiter ist dann das Alter.“

Im Leben erreichte ihn die geistige Umnachtung mit 37 Jahren im Tübinger Turm.

Die Sprachformen „nimmt mich“ und „töriger Bitte“ erinnern uns daran, dass unsere Hochsprache nicht immer so genormt war, wie wir seit dem 20. Jahrhundert gewohnt sind, sie uns zu denken.

Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst
Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester
Geheime Weisheit zu erlernen, hatte
Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt,
Stets riß ihn seine Forschbegierde weiter,
Und kaum besänftigte der Hierophant
Den ungeduldig Strebenden. »Was hab ich,
Wenn ich nicht alles habe?« sprach der Jüngling,
»Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr?
Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück
Nur eine Summe, die man größer, kleiner
Besitzen kann und immer doch besitzt?
Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte?
Nimm einen Ton aus einer Harmonie,
Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen,
Und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang
Das schöne All der Töne fehlt und Farben.«

Indem sie einst so sprachen, standen sie
In einer einsamen Rotonde still,
Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße
Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert
Blickt er den Führer an und spricht: »Was ists,
Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?«
»Die Wahrheit«, ist die Antwort. – »Wie?« ruft jener,
»Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese
Gerade ist es, die man mir verhüllt?«

»Das mache mit der Gottheit aus«, versetzt
Der Hierophant. »Kein Sterblicher, sagt sie,
Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
Und wer mit ungeweihter, schuldger Hand
Den heiligen, verbotnen früher hebt,
Der, spricht die Gottheit -« – »Nun?« –
»Der sieht die Wahrheit.«

»Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst,
Du hättest also niemals ihn gehoben?«
»Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu
Versucht.« – »Das fass ich nicht. Wenn von der Wahrheit
Nur diese dünne Scheidewand mich trennte -«
»Und ein Gesetz«, fällt ihm sein Führer ein.
»Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst,
Ist dieser dünne Flor – für deine Hand
Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen.«

Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause,
Ihm raubt des Wissens brennende Begier
Den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager
Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel
Führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt.
Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen,
Und mitten in das Innre der Rotonde
Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden.

Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt
Den Einsamen die lebenlose Stille,
Die nur der Tritte hohler Widerhall
In den geheimen Grüften unterbricht
Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft
Der Mond den bleichen, silberblauen Schein,
Und furchtbar wie ein gegenwärtger Gott
Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse
In ihrem langen Schleier die Gestalt.

Er tritt hinan mit ungewissem Schritt,
Schon will die freche Hand das Heilige berühren,
Da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein
Und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme.
Unglücklicher, was willst du tun? So ruft
In seinem Innern eine treue Stimme.
Versuchen den Allheiligen willst du?
Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund,
Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu:
Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen?
»Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf.«
(Er rufts mit lauter Stimm.) »Ich will sie schauen.«
Schauen!
Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.

Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Was er allda gesehen und erfahren,
Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig
War seines Lebens Heiterkeit dahin,
Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe.
»Weh dem«, dies war sein warnungsvolles Wort,
Wenn ungestüme Frager in ihn drangen,
»Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.«

Friedrich v.Schiller 1759-1805

Als Jugendlicher habe ich mit dem Jüngling mitgefühlt. Äußerungen wie „Das ist sehr wichtig, aber nichts für dich,“ und „Das verstehst du noch nicht,“ haben mir nicht gefallen, auch wenn ich noch nichts von „Herrschaftswissen“ gehört hatte.

Doch bald schon habe ich Lessings Text „Über die Wahrheit“ kennen und schätzen gelernt:

Über die Wahrheit

Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. –
Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: „Wähle!“ – ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: „Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!“

Andererseits ist die Handlung des Gedichts in sich zureichend spannend, und man wartet darauf, was jetzt passiert. In der 10. Klasse habe ich das Gedicht mal auswendig gelernt, und heute sage ich es mir, wenn ich in einer langen Schlange stehe, immer wieder mal auf. Bei manchen Passagen bin ich freilich unsicher, nur nicht bei „für deine Hand Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen“ und „Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.“

Ich war auch auf den Ton, in dem ich das aufgesagt habe, ganz stolz.
Man könnte das auch auf die Folterer von Stasi und Guantánamo beziehen, wenn es denn Wahrheit sein sollte, was sie sich erfoltern. Die Vorstellung, der Jüngling habe in einen Spiegel geblickt, hat mir nie gefallen. Ein wissensdurstiger Jugendlicher ist nicht das Monster, das ein Wissenschaftler für mich darstellt, der – um genügend Industriegelder einzuwerben – Menschen klont oder andere Verwendungen von Wissenschaft erprobt, die gegen die Menschenwürde verstoßen.

Oktober 2017
M D M D F S S
« Jan    
 1
2345678
9101112131415
16171819202122
23242526272829
3031