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Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Erich Kästner, 1899-1974

Allerseelen

Stell auf den Tisch die duftenden Reseden,
Die letzten roten Astern trag herbei
Und laß uns wieder von der Liebe reden
Wie einst im Mai.

Gib mir die Hand, daß ich sie heimlich drücke,
Und wenn mans sieht, mir ist es einerlei,
Gib mir nur einen deiner süßen Blicke
Wie einst im Mai.

Es blüht und funkelt heut auf jedem Grabe,
Ein Tag im Jahre ist den Toten frei;
Komm an mein Herz, daß ich dich wieder habe,
Wie einst im Mai.

Hermann von Gilm, 1812 – 1864

Kann es sein, dass dasselbe Gefühl beschrieben ist, oder spricht aus dem zweiten mehr Trostlosigkeit und aus dem ersten mehr Verwunderung über das fehlende Unglück?

Findet man in einem anderen Gedicht Gilms die folgenden Zeilen

Und – süßes Wunder! – plötzlich, als
sei alles Leid zu Ende,
schlingt lächelnd um der Mutter Hals
es seine beiden Hände.

so fragt man sich freilich, ob die Trostlosigkeit der letzten Strophe von Allerseelen nicht doch mehr Rührung über das eigene Gefühl enthält, als man dem Ausdruck der Hoffnungslosigkeit zu entnehmen sich verpflichtet fühlt.

März 2017
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