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Durch so viel Formen geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?

Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewusst,
es gibt nur eines: ertrage
– ob Sinn, ob Sucht, ob Sage –
dein fernbestimmtes: Du musst.

Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.

(Gottfried Benn)

Es lässt sich hier viel kommentieren und interpretieren.

Dass es „mein“ Gedicht „meines“ Wahlschriftstellers wurde, den wir damals für das Abitur in Deutsch haben sollten, lag an der Verbindung von großem Ton – den Benn in seinem Vortrag „Probleme der Lyrik“ ja als ein „So geht es nicht mehr“ bezeichnet hat – mit Verhaltenheit und Resignation, die sich als heroische darstellt.


Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere
und
ob Sinn, ob Sucht, ob Sage diese großen Worte, die den großen Ton bringen, den Benn nicht nur in „Dennoch die Schwerter halten“ immer wieder gebraucht hat.

Schließlich das gezeichnete Ich. Es passt in Pubertät, Nachpubertät, ins Reifealter, ins Alter.

Aber nicht nur das Gedicht, sondern auch meine naseweise Anfrage an unseren Lehrer, als er uns Warum? als die typische Kinderfrage vorstellte, ist für mich mit diesem Gedicht verbunden. Natürlich ist Wozu? alles andere als eine Kinderfrage, und man kann sie geradezu als Beleg für das Ende der Kindheit ansehen, wenn Leistungsstreben (Zweck) an die Stelle von Selbstvergessenheit tritt. Erlebt habe ich die Frage als die typische Abwehrfrage gegen menschliche Herausforderungen. Aber Benn meint mit Kinderfrage ja auch nicht die Frage eines Kindes, sondern die eines Menschen, der noch nicht zum stolz-resignativen gezeichneten Ich hindurchgedrungen ist.

Mai 2017
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