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Herr, schicke was du willt
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß Beides
aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten,
Liegt holdes Bescheiden.

(Eduard Mörike)

Das Gedicht beeindruckt in seiner Gottergebenheit. Die dritte Bitte des Vaterunsers „Dein Wille geschehe“ wird ausgeführt. Leid wird nicht beklagt, es wird nicht darüber gerechtet, es wird als gottgegeben akzeptiert.

Diese Aussage bleibt erhalten, auch wenn man dem nachspürt, was zu dieser Aussage nicht so ganz passt.

Da ist zum einen das ungewohnte willt. Natürlich kann man mit Reimzwang und altertümliche Form darüber hinweggehen, doch das reicht bei einem Dichter wie Mörike nicht aus. Denn er ist nicht gezwungen, in diesem kurzen Gedicht unbedingt das Wort quillt zu verwenden, und außerdem gibt es manche andere Reimwörter dazu. Und die altertümliche Form ist bereits so ungewohnt, dass sie auffallen muss. Weshalb also der harte Schluss schon in der ersten Zeile?

Zweierlei legt sich nahe. Zum einen: Das Leid, was kommt, kann man sich hinzunehmen zwar vornehmen, es bleibt aber trotzdem hart, es passt sich nicht ein und stört.

Zum andern: Das willt verweist voraus auf quillt, und dieses quillt passt gar nicht zu dem Wunsch des Beters, dass er nicht überschüttet werden will. Denn er nimmt ja nicht eine Gabe Gottes aus diesen Händen an, sondern Freud und Leid quellen aus ihnen hervor, auch ohne dass sie sich darreichend öffnen.  Dies Bild kann verstören, wenn man nicht zugleich den Ursprung des Wortes von Quelle her bedenkt. Gott ist Quelle und Ursprung des Lebens, er ist der Schöpfer, ohne ihn ist nichts, und deshalb wird, wer das Leben empfängt, damit zugleich all das empfangen, was ihm der Schöpfer in diesem Leben zugedacht hat.

Von da aus wird auch klar, was die Aussage der zweiten Strophe ist. Die ist nämlich gar nicht so gottergeben, wie das Gedicht als ganzes wirkt. Hier hat der Beter nämlich eine Forderung an Gott. Er soll ihn nicht überschütten. Doch diese Forderung, dass nicht einfach hingenommen wird, was das Leben bringt, das – sagt der Beter – sei ein Bescheiden, hold, das heißt in treuer Freundschaft.

Von da aus wird klar: Der Beter spricht gegenüber Gott aus, dass er ein Übermaß an Leiden, wie es Hiob erfahren musste, nicht hinnehmen könnte. Dann könnte er ihm nicht mehr hold sein, dann würde er mit ihm rechten. Doch er sagt es nur ganz verhalten, versteckt, gebändigt. Die Gesamtaussage bleibt: Ich nehme mein Schicksal hin, weil es von dir kommt, von dem ich gemacht bin.

Max Bruch hat in seiner Vertonung des Gebets Härte und Forderung bereits in das erste Wort Herr gelegt. Im Forte wird es von drei Stimmen vorgetragen und denen ins Wort fallend vom Bass sofort wiederholt.

Von da ab stimmt auch Bruch seine Vertonung ganz auf Gottergebenheit ab. Zwar wird das Wort Leid klagend vorgetragen, doch klingt es gerade dadurch schön. Und nach Spannungen während des weiteren Vortrags klingt das Gebet im Piano in stiller Harmonie aus.

Juni 2017
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