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Laß sie Dreadnoughts bauen und aber Dreadnoughts
und vom Luftschiffkreuzer das Heil erwarten!
Unerträglich würden auf Erden sonst die
Tage des Glückes.

Alles lebt in dulci jubilo, nirgends
haust die Pest, der Hunger, die Not, die Sorge.
Singend gehn die Völker zu Bett, und singend
gehn sie zum Frühstück.

Müssen Patrioten da nicht zu Werken
kriegerische Gewalt zusammentreten
und dem kannibalischen Wohl der Völker
Schropfköpfe setzen?

Laß sie Dreadnoughts bauen und aber Dreadnoughts
und vom Luftschiffkreuzer das Heil erwarten!
Unerträglich würden auf Erden sonst die
Tage des Glückes.

Gert Fröbe hat für seine Rezitation dieses Gedichts von Christian Morgenstern eine noch weiter modernisierte Fassung geschrieben: „Laß sie Bomber bauen und Überbomber …“
Heute könnte das Gedicht – auf Libyen bezogen – beginnen: „Lass Raketen sie bauen, Marschflugkörper und Drohnen …“, auf Fukushima bezogen „Lass Kernkraftwerke sie bauen und schnelle Brüter …“
Mehr zur Interpretation dieses Gedichtes liefert die aktuelle Tagespresse.
So aktuell kann ein von Morgenstern in die Neuzeit eingeführter Horaz sein. (vgl. auch: Integer vitae)

Ist es nicht überflüssig zu sagen, dass schon Morgenstern durchaus nicht glaubte, dass seine folgenden Zeilen Realität beschrieben:

nirgends
haust die Pest, der Hunger, die Not, die Sorge.
Singend gehn die Völker zu Bett, und singend
gehn sie zum Frühstück.

(nachkorrigiert nach einer Ausgabe von 1911, Piper Verlag, 3. vermehrte Auflage)

Gert Fröbe als Morgensterns Hausschnecke im Gespräch mit sich selbst

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Fusce, pharetra,

sive per Syrtes iter aestuosas,
sive facturus per inhospitalem
Caucasum vel quae loca fabulosus

lambit Hydaspes.

Namque me silva lupus in Sabina,
dum meam canto Lalagen et ultra
terminum curis vagor expeditis,

fugit inermem,

quale portentum neque militaris
Daunias latis alit aesculetis,
nec Iubae tellus generat, leonum

arida nutrix

Pone me pigris ubi nulla campis
arbor aestiva recreatur aura,
quod latus mundi nebulae malusque

Jupiter urget;

pone sub curru nimium propinqui
solis, in terra domibus negata:
Dulce ridentem Lalagen amabo,

dulce loquentem.

Klassisches Versmaß habe ich nie im griechischen Original genießen können. Bei Horaz hatte ich am Klang mancher Verse meine Freude. Den Inhalt habe ich, bei der ersten Übersetzung noch parat gehabt, danach war er beim Rezitieren der Verse nur noch halb präsent.
Umso mehr Spaß hatte ich an Morgensterns Travestien, die bei aller Profanisierung so manches von der Haltung des Sprechers bewahrten.

Wer ein braver, ehrlicher Gottesmensch ist,
braucht nicht Degenstöcke, noch Ochsenziemer,
noch amerikanische Schlagringwaffen,

noch auch Revolver, –

ob er die unwirtliche Hasenheide
oder den Tiergarten des Nachts durchwandert
oder nach dem Norden Berlins geht, wo die

Panke sich schlängelt.

Stiefle ich im Grunewald jüngst nach Schildhorn,
pfeife lustig «Anne-Marie, erhör mich!»,
als ein Hirsch zwölf Schritte vor mir sich regt und –

fort wie der Satan!

’s war ein Kapitalkerl, ein Achtzehnender,
wie so groß ich keinen zuvor gesehen!
Keine Waffe hatt ich –  und doch! er forcht sich! –:

fort wie der Satan!

Laß am Nordpol mich zu den Robben gehen
und im ewigen Eise den Eisbären treffen –
Glaubst du, daß mir einer ein Leides täte?

Ebensowenig!

Wär ich in der Wüste, im Löwenviertel
Afrikas, ich würde mich doch nicht fürchten!
Pfeifen würd ich «Anne-Marie, erhör mich»,

pfeifen, ja pfeifen.

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