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So komme, was da kommen mag!

Solang du lebest, ist es Tag.

Und geht es in die Welt hinaus,

Wo du mir bist, bin ich zu Haus.

Ich seh dein liebes Angesicht,

Ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.

1

In der Gruft bei den alten Särgen

Steht nun ein neuer Sarg,

Darin vor meiner Liebe

Sich das süßeste Antlitz barg.

Den schwarzen Deckel der Truhe

Verhängen die Kränze ganz;

Ein Kranz von Myrtenreisern,

Ein weißer Syringenkranz.

Was noch vor wenig Tagen

Im Wald die Sonne beschien,

Das duftet nun hier unten:

Maililien und Buchengrün.

Geschlossen sind die Steine,

Nur oben ein Gitterlein;

Es liegt die geliebte Tote

Verlassen und allein.

Vielleicht im Mondenlichte,

Wenn die Welt zur Ruhe ging,

Summt noch um die weißen Blüten

Ein dunkler Schmetterling.

2

Mitunter weicht von meiner Brust,

Was sie bedrückt seit deinem Sterben;

Es drängt mich, wie in Jugendlust,

Noch einmal um das Glück zu werben.

Doch frag ich dann: Was ist das Glück?

So kann ich keine Antwort geben

Als die, daß du mir kämst zurück,

Um so wie einst mit mir zu leben.

Dann seh ich jenen Morgenschein,

Da wir dich hin zur Gruft getragen;

Und lautlos schlafen die Wünsche ein,

Und nicht mehr will ich das Glück erjagen.

3

Gleich jenem Luftgespenst der Wüste

Gaukelt vor mir

Der Unsterblichkeitsgedanke;

Und in den bleichen Nebel der Ferne

Täuscht er dein Bild.

Markverzehrender Hauch der Sehnsucht,

Betäubende Hoffnung befällt mich;

Aber ich raffe mich auf,

Dir nach, dir nach;

Jeder Tag, jeder Schritt ist zu dir.

Doch, unerbittliches Licht dringt ein;

Und vor mir dehnt es sich,

Öde, voll Entsetzen der Einsamkeit;

Dort in der Ferne ahn ich den Abgrund;

Darin das Nichts. –

Aber weiter und weiter

Schlepp ich mich fort;

Von Tag zu Tag,

Von Mond zu Mond,

Von Jahr zu Jahr;

Bis daß ich endlich,

Erschöpft an Leben und Hoffnung,

Werd hinstürzen am Weg

Und die alte ewige Nacht

Mich begräbt barmherzig,

Samt allen Träumen der Sehnsucht.

4

Weil ich ein Sänger bin, so frag ich nicht,

Warum die Welt so still nun meinem Ohr;

Die eine, die geliebte Stimme fehlt,

Für die nur alles andre war der Chor.

5

Und am Ende der Qual alles Strebens

Ruhig erwart ich, was sie beschert,

Jene dunkelste Stunde des Lebens;

Denn die Vernichtung ist auch was wert.

6

Der Geier Schmerz flog nun davon,

Die Stätte, wo er saß, ist leer;

Nur unten tief in meiner Brust

Regt sich noch etwas, dumpf und schwer.

Das ist die Sehnsucht, die mit Qual

Um deine holde Nähe wirbt,

Doch, eh sie noch das Herz erreicht,

Mutlos die Flügel senkt und stirbt.

Mich interessiert der Zusammenhang mit Goethes „Marienbader Elegie“.

In beiden Fällen ein Selbstzitat als (eine Art) Motto (bei Goethe Tasso„, bei Storm „Trost), in beiden Fällen ein traumatisches Erlebnis, in beiden Fällen durch Kunst gebändigt, doch in unterschiedlicher Weise. 

Goethe:Sie trennen mich – und richten mich zugrunde.“  Bei Storm „Mutlos die Flügel senkt und stirbt.“   stirbt die Sehnsucht, an ihre Stelle tritt das literarische Werk. Das Gedicht selbst ist – anders als das von Goethe – kein Meisterstück, aber die Meisterwerke auf dem Gebiet der Novellen folgten.

Bei „eh sie noch das Herz erreicht, […]  und stirbt.“ klingt bei uns Heutigen leicht Rilkes „und hört im Herzen auf zu sein“ aus dem „Panther“ an.

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Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins freie Feld,
Hehres Glänzen, heilges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigts wie wunderbares Singen
O du gnadenreiche Zeit!

Weihnachtabend

Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
Der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war’s; durch alle Gassen scholl
Der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,
Drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
„Kauft, lieber Herr!“ Ein magres Händchen hielt
Feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein
Sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
Wes Alters und Geschlechts es mochte sein,
Erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
Noch immer hört ich, mühsam, wie es schien:
„Kauft, lieber Herr!“ den Ruf ohn Unterlass;
Doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? – War’s Ungeschick, war es die Scham,
Am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,
Verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

Doch als ich endlich war mit mir allein,
Erfasste mich die Angst im Herzen so,
Als säß mein eigen Kind auf jenem Stein
Und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

Zwei Weihnachtsgedichte. Das lyrische Ich geht durch die Gassen der Stadt. Es geht um Kinder, Spielzeug und die Hoffnungen, die Kinder damit verbinden. Der Sprecher kommt zu sich selbst erst, als er allein ist.

Doch welcher Unterschied!

Einmal der Dank für die gnadenreiche Zeit, das andere Mal das schlechte Gewissen, dass eine Situation nicht genutzt wurde, wie sie genutzt werden sollte.

Ein Gedicht ist von Storm, das andere von Eichendorff.

Sonnenschein auf grünem Rasen,
Krokus drinnen blau und blass;
Und zwei Mädchenhände tauchen
Blumen pflückend in das Gras.

Und ein Junge kniet daneben,
Gar ein übermütig Blut,
Und sie schaun sich an und lachen –
O wie kenn ich sie so gut!

Hinter jenen Tannen war es,
Jene Wiese schließt es ein –
Schöne Zeit der Blumensträuße,
Stiller Sommersonnenschein!

(Theodor Storm)

Lyrik gibt Gefühle des Sprechers wieder. Deshalb sind Gedichte über Kinder so selten. Auch hier ist es ein Erwachsener der spricht, aber trotz aller Sentimentalität des Rückblicks, die Bilder zeigen doch eine gegenwärtige Situation. So erleben wir zwei Gefühle mit: das der Kinder im Gras und das des Sprechers, der sich an seine Kindheit zurück erinnert.

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