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10. Vogelwanderung am Dienstag, dem 31.5.49

Grebendorf-Hasselkuppe-Eschwege 17:30

An allen Glieder zerschlagen, zermürbt von des Tages Last,

wollt ich die Wanderung wagen, nach kurzer, nicht heilender Rast.

Die Kinder, sie heißen mich eilen. „Mir sind die Beine so schwer!“

„Die Luft, sie wird dich schon heilen!“ – Da zaudre ich auch nicht mehr.

Schon liegt die Stadt mir im Rücken. Die Lerche trillert ihr Lied.

Drei Wandrer vorn nach ihr blicken. Sie nehmen freundlich mich mit.

Am Bahnhof warten wir lange. Er hat sich verspätet. Der Zug.

Die andern werden schon bange, doch sind wir gerade genug,

um ein Dutzend voll zu machen. Wir gehen in den Wald hinein.

Verstummt ist das Scherzen das Lachen. Jetzt wollen wir stille sein.

Das Goldhähnchen pfeift in der Höhe. Misteldrossel, Fink, der schlägt.

Wenn ich auch kein Vöglein sehe, so ist mir das Herz doch bewegt.

Den Grünspecht können wir hören, Zaunkönig und Rotkehlchens Lied.

Gespräche würden jetzt stören, im Wald herrscht Ruhe und Fried.

Nach einigen feuchten Stellen ruft unser Führer erfreut:

„Nun sieht man Blumen hier quellen! Oh blühten sie alle schon heut!“

Die Waldhyazinthe am Wege, auch Kuckuckblume genannt,

sie duftet im grünem Gehege, als Ständelwurz auch bekannt.

Waldvögelein weiß blüht in Menge, ein rotes finden wir auch.

Und in der Kräuter Gedränge zwar nicht den Bärenlauch,

doch Zweiblattorchidee und Strandkamille rot.

Wenn ich eine blühende sähe, so hätte Herr Marx keine Not.

„Ihr könnt ja alle nicht riechen! Oh hätte ich nur meine Frau!

Durch Dorn und Gestrüpp würd sie kriechen und fände die Blüte genau.

Die rote Sumpfwurz, sie nicket, die Händelwurz leuchtet uns an,

Man Purpurorchis erblicket und Fliegenorchis sodann.

Das seltsame Blütengebilde lässt fragen „wozu?“ und „warum?“

Der Weise lächelt nur milde. Die Torheit erklärt und bleibt dumm.

[…]

Wir sinnen und schweigen und lauschen und legen zu bald wieder an.

Kreuzlabkraut und Wiesenbeinwell, Licht, Kuckucksnelke zu Hauf,

die pflücken am Wegrand wir schnell. Dann nimmt die Stadt uns schon auf.

Mit frohem Gruße wir scheiden. Und bald ist dunkle Nacht.

Und wo sind eure Leiden? Vergessen, vergangen, verlacht!

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