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Es gibt ein sehr probates Mittel,
die Zeit zu halten am Schlawittel:
Man nimmt die Taschenuhr zur Hand
und folgt dem Zeiger unverwandt.
Sie geht so langsam dann, so brav
als wie ein wohlgezogen Schaf,
setzt Fuß vor Fuß so voll Manier
Als wie ein Fräulein von Saint-Cyr.
Jedoch verträumst du dich ein Weilchen
so rückt das züchtigliche Veilchen
mit Beinen wie der Vogel Strauß
und heimlich wie ein Puma aus.
Und wieder siehst du auf sie nieder;
ha, Elende! – Doch was ist das?
Unschuldig lächelnd macht sie wieder
die zierlichsten Sekunden-Pas.
(Christian Morgenstern)

 

Eine großartige Ausformulierung einer alltäglichen Erfahrung: dass nämlich die mechanisch gemessene Zeit nicht mit unserem Lebensgefühl in Einklang ist.

In einem anderen Gedicht heißt es „Stunden, Tage, Jahre gehen hin,
und ich frag, wo sie geblieben sind“ („Meine Zeit steht in deinen Händen„)

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Sternkunde

schau

hinauf

tochter des himmels

die sterne sagen dir

das gestern

bleibt im morgen gegenwärtig

benno c. brands

Wie eine Alltagserfahrung Tiefendimension gewinnt.

Einerseits: Die Gegenstände des täglichen Gebrauchs sind morgen dieselben wie gestern. Eben: Alltag.

 Andererseits: Das, was wir erlebt haben, haben wir erlebt. Diese Tatsache lässt sich auch durch schreckliche folgende Erfahrungen nicht beseitigen. Aber auch psychologisch bleiben Erfahrungen in uns: Das Angenommensein (oder Nicht-Angenommensein) durch die Eltern. Das Ja zu uns durch ein Du. 

Dazu gibt es den Satz von Martin Buber:

 Von einem mitgeborenen Chaos umwittert schaut der Mensch heimlich und scheu nach einem Ja des Seindürfens aus, das ihm nur von menschlicher Person zu menschlicher Person werden kann; einander reichen die Menschen das Himmelsbrot des Selbstseins.“

 Freilich wenn der andere nicht mehr da ist, will das Chaos überhand nehmen. Das gilt es zu verhindern.

Doch die Erfahrung, dass man sein darf, hat man ja gemacht. Je größer der Verlust ist, desto mehr hat der andere zu dem beigetragen, was man ist. 

 Und jetzt im vorliegenden Gedicht die zeitliche Tiefendimension:

Das Gestern bleibt nicht nur in unserem Leben. Es bleibt auch für die Milliarden Jahre des Bestehens des Weltalls. Überall im Weltall ist gleichzeitig das Licht von Sternen zu sehen, das vor Milliarden von Jahren, vor vielen Millionen und wenigen Jahren oder Tagen oder Minuten von ihnen ausgegangen ist. Und das wird in Tausenden von Jahren so sein, wie heute und wie vor Christi Geburt. 

Vergangenheit bleibt gegenwärtig. Das ist die Kunde, die von den Sternen kommt.

 Ein kurzes Gedicht und doch mit dieser gewaltigen Dimension.

 Mit „Tochter des Himmels“ wird eine Gläubige natürlich besonders angesprochen. Aber auch für Atheisten gilt ja, dass sie „Sternenstaub“ in kurzfristiger lebendiger Form sind und Teil der Milliarden von Jahren währenden Gleichzeitigkeit von gestern und morgen.

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